Die "Zange der Konterrevolution"

1976 ergab sich für Biermann zum ersten Mal seit dem Verbot 1965 eine halb legale Auftrittsmöglichkeit  in der DDR. Die mit ihm befreundete Liedermacherin Bettina Wegner hatte mit dem Jugendpfarrer Schubach in Prenzlau die Idee, ihn in seiner Kirche auftreten zu lassen. In einer seiner neuen Balladen hatte Biermann auch auf Motive aus der Bibel zurückgegriffen. Der Pfarrer kündigte das Konzert als "Jugendtreff" im Rahmen der "Prenzlauer Kirchentage" an. Obwohl Biermann der Einladung zunächst eher ablehnend gegenüberstand, da er nicht "unter den Rock der Kirche kriechen" wollte, sang er am 11. September 1976 vor Hunderten meist junger Leute in der Prenzlauer Nikolai-Kirche.

Sein Auftritt begeisterte das Publikum, seine Lieder fanden breite Zustimmung. Das Konzert bewies, dass er auch den Nerv der jüngeren Generation, der er bis dahin erfolgreich vorenthalten worden war, zu treffen vermochte.. Nachdrücklich forderte Biermann die jungen Christen dazu auf, trotz, ja wegen der Schwierigkeiten in der DDR zu bleiben, nicht abzuhauen, sondern sich ganz irdisch zu wehren. Der Auftritt zeigte, dass auch die Stasi nicht alles unter Kontrolle hatte, denn sie erfuhr erst im Nachhinein davon.

Doch vor allem zeigte das Konzert, dass – so die Fremdheit zwischen dem Atheisten Biermann und der Kirche einmal durchbrochen war – sich hier ein Raum öffnete, der dem staatlichen Bann entzogen war. Ein Zusammengehen der linken Kritiker der SED wie Biermann und Robert Havemann mit der Kirche war die von der SED befürchtete "Zange der Konterrevolution".