Information an alle Diensteinheiten über die Sendereihe Radio Glasnost
Signatur: BArch, MfS, HA KuSch, Nr. 439, Bl. 187-190
Das Projekt Radio Glasnost war eine der wichtigsten Aktionen der Ostberliner Opposition am Ende der 80er Jahre. Zwei Monate nach Sendestart informierte Minister Mielke alle Diensteinheiten persönlich über die Sendereihe.
Am 22. Juli 1987 ging in West-Berlin die Sendung "Radio Glasnost – außer Kontrolle" erstmals an den Start. Der private Alternativkanal Radio 100 mit Sitz im Stadtteil Schöneberg ermöglichte der DDR-Opposition, aus West-Berlin in die ganze Stadt zu senden.
Das einzigartige Projekt verband auf offiziellen und heimlichen Wegen Ost-Berliner Oppositionelle, aus der DDR ausgebürgerter Bürgerrechtler, die in West-Berlin lebten, sowie West-Berliner Unterstützer der DDR-Opposition. Die Beiträge der Sendung wurden aus der DDR nach West-Berlin geschmuggelt und dann gesendet.
Oppositionelle sprachen darin ausführlich über ihre Ideen zur Reform der DDR und ihre Beobachtungen des DDR-Alltags. Ab August 1987 wurde die einstündige Sendung jeden letzten Montag im Monat zwischen 21 und 22 Uhr ausgestrahlt. Auch die Stasi hörte mit.
Am 25. September 1987, zwei Monate nach Ausstrahlung der Pilotsendung, informierte Stasi-Minister Mielke mit der vorliegenden "Information" persönlich alle Diensteinheiten über Radio Glasnost. Am Tag zuvor hatte bereits das Büro des Ministers an die Spitzen der Parteiführung eine "Information" über das "Sprachrohr der für im Sinne politischer Untergrundtätigkeit in der DDR wirkender Kräfte" versandt.
Metadaten
- Diensteinheit:
- Minister für Staatssicherheit
- Datum:
- 25.9.1987
Information
Am 31. August 1987 in der Zeit von 21.00 Uhr bis 22.00 Uhr wurde durch den Westberliner privaten Rundfunksender "Radio 100" im Rahmen seines täglichen Sendeprogrammes erstmalig ein spezieller Sendebeitrag unter der Bezeichnung
"Radio Glasnost - außer Kontrolle"
ausgestrahlt.
Mit diesem Sendebeitrag wurde nach eigener Darstellung das Ziel verfolgt, eine alternative Berichterstattung zur offiziellen Mediendarstellung in der DDR vorzunehmen und über politische, kulturelle und kirchliche Ereignisse zu berichten.
Weitere derartige Sendebeiträge sollen künftig jeden letzten Montag des Monats - später 14-tägig - zur gleichen Zeit ausgestrahlt werden.
Entsprechend der proklamierten Zielstellung befaßte sich dieser erste Sendebeitrag ausschließlich mit Problemen der DDR. Neben Musik, Kurzmeldungen und Veranstaltungshinweisen aus der DDR wurden Interviews mit ehemaligen DDR-Bürgern zu den Themen "Kirchentag von Unten" und zur politischen Situation in der DDR gesendet.
In Auswertung dieses ersten Sendebeitrages von "Radio Glasnost - außer Kontrolle" muß eingeschätzt werden, daß durch dessen Organisatoren und Hintermänner versucht wird, unter Nutzung eines legalen privaten Rundfunksenders Westberlins sich massiv in die inneren Angelegenheiten der DDR einzumischen, spezielle Zielgruppen in der DDR zu inspirieren und zu organisieren und ein "Sprachrohr" für im Sinne politischer Untergrundtätigkeit in der DDR wirkende Kräfte zu schaffen.
Bei "Radio 100" handelt es sich um einen privaten Westberliner Rundfunksender, der in Form einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung geführt wird und der linksalternativen Szene Westberlins zuzuordnen ist.
Nach Erteilung der Sendegenehmigung durch den Westberliner Kabelrat sendet "Radio 100" seit 1. März 1987 täglich in der Zeit von 19.00 Uhr bis 23.00 Uhr auf der UKW-Frequenz 100,6 MHz.
Die benutzte Sendefrequenz 100,6 MHz ist bei der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) in Genf angemeldet und auf der Internationa¬len Funkverwaltungskonferenz 1984 in Genf an Westberlin vergeben