Nach dem Willen des damaligen
SED-Parteichefs
Walter Ulbricht sollte die Jugend zu "neuen Menschen" in der sozialistischen Menschengemeinschaft geformt werden. Der Minister für Staatssicherheit Erich
Mielke erließ dazu "Arbeitshinweise für die politisch-operative Bekämpfung der politisch-ideologischen Diversion und Untergrundtätigkeit unter jugendlichen Personenkreisen in der
DDR".
Im folgenden Zitat aus einer Anklageschrift eines Staatsanwaltes zeigen sich vor allem Befürchtungen, dass westliche Einflüsse die Jugend der sozialistischen Staatsmacht und ihren Erziehungszielen entfremden könnten. Deshalb galt es diese Einflüsse zu bekämpfen:
"Die Arbeiter- und Bauernmacht widmet der sozialistischen Erziehung der jungen Generation große Aufmerksamkeit. Als Hausherren von morgen stehen ihr alle Entwicklungsmöglichkeiten offen und sie erfährt in großzügigem Maße die allseitige Unterstützung des sozialistischen Staates. […] Neben den Werken des klassischen Kulturerbes und der Nationalkultur gehört auch die Pflege moderner und niveauvoller Tanz- und Unterhaltungsmusik zur Erziehung und allseitigen Bildung der Jugend. […] Die sozialistische Staatsmacht wendet sich entschieden gegen Versuche westlicher Medien, die unter dem Missbrauch einzelner Kunstarten Verwirrung unter den
Jugendlichen entfachen und die Ordnung und Sicherheit der
DDR stören." (Quelle:
BArch,
MfS,
BV Leipzig,
AU,
Nr. 348/67)
Aber die internationalen Musikwellen des Rock'n'Roll und Beat machten an der innerdeutschen Grenze nicht halt. Und so bildeten sich Ende der 50er bis in die 60er-Jahre hinein überall in der
DDR "jugendliche Straßenmeuten". Diese Gruppen trafen sich an Straßenecken oder Parks mit Kofferradios. Gemeinsam wurde die Musik der "Westsender" gehört.
Der Staatssicherheitsdienst registrierte schnell, dass sich größere Gruppen von Jugendlichen nicht staatskonform verhielten. Gerade dem Erscheinungsbild der Jugendlichen nach dem Vorbild der verschiedenen Beatgruppen - insbesondere auch der Beatles - begegnete die Staatsführung mit Unverständnis und Misstrauen.
Merkmale für "negativ-dekadente" Jugendliche waren das Hören von "flotter Musik" (Westmusik) aus Kofferradios, Beatlesfrisuren, das Tanzen mit "unkoordinierten Verrenkungen", westliche Mode (Jeans oder Glockenhosen) und westliches Gedankengut und Ideologie.
Diese nicht angepassten Jugendlichen galten als besonders anfällig für die Einflüsse des "Klassenfeindes". Nach Meinung des Staatssicherheitsdienstes der
DDR hatte der regelmäßige Empfang von Beat-Musik westlicher Rundfunksender negativen Einfluss auf die jungen Leute. Auf geschickte Weise betreibe der "Klassenfeind" so politisch-ideologische Diversion und verbreite seine imperialistische Ideologie.
Die neue Musik wurde aber nicht nur gehört, sondern zunehmend auch selbst gespielt. Überall in der
DDR und besonders auch in Leipzig entstanden Beat-Amateurgruppen - im Sprachgebrauch der
DDR-Regierung "Laienmusikgruppen". Diese brachten durch ihre Musik die Jugend bei Tanzveranstaltungen in Ekstase. Die englischen Namen der Leipziger Gruppen wie
z.B. "The Butlers", "The Starlets", "The Guitar Men", "The Shatters", "Shake hands"
u.a. verrieten, woher deren Vorbilder kamen.
Die Laienmusiker hörten die einschlägigen Sendungen im Westrundfunk, lernten die englischen Songs nach Gehör und spielten sie - zum Teil in eigenen Interpretationen - vor begeistertem Publikum nach.