Der Protest

SED-Chef Erich Honecker hatte die Ausbürgerung Biermanns am 16. November 1976 selbst auf die Tagesordnung des Politbüros gesetzt. Über die Planungen und Vorbereitungen seines Ministeriums hatte ihn Stasichef Mielke schon lange zuvor in Kenntnis gesetzt. Der hatte seit Jahren auf das Signal zum Losschlagen gewartet. Diesmal war die Falle gestellt, und Biermann, der die Reisegenehmigung als endlich errungene Liberalisierung missdeutete, war getäuscht worden. Der DDR-Rundfunk verbreitete die Meldung in jeder Nachrichtensendung.

Zuerst fand Schriftsteller Franz Fühmann Worte. Er schrieb an den Vorsitzenden des Ministerrates und an seine Verleger, "dass ihn diese Maßnahme […] aufs Äußerste verstört und beunruhigt, da ich sie weder mit der Würde, dem Ansehen und auch der Stärke dieses meines Staates vereinbaren kann".

Am Nachmittag lud der Dichter Stephan Hermlin prominente, in Ost und West hoch angesehene, DDR-Schriftstellerkollegen ein. Für ihn hatte die Ausbürgerung eine erschreckende historische Parallele in Deutschland. Schon die Naziregierung hatte Kritiker und Juden aus der "deutschen Volksgemeinschaft" ausgestoßen und ausgebürgert. Die Autoren formulierten einen gemeinsamen Protestbrief, in dem sie die SED-Führung baten "die beschlossene Maßnahme zu überdenken".

So zurückhaltend dieser Brief auch formuliert war, weitergeleitet an die internationale Presse stellte er den ersten öffentlichen Protest einer in den folgenden Tagen anwachsenden Gruppe von DDR-Intellektuellen gegen die Politik des Politbüros dar. Und so sehr die SED in den folgenden Wochen und Monaten auch versuchte, diesen Riss durch Druck und Verlockungen zu kitten – einen Weg zurück in die scheinbare Übereinstimmung gab es nicht mehr.

Hermlin hatte sich auf einen kleinen Kreis angesehener Intellektueller beschränkt, die vor Repressalien des Staates geschützt schienen. Doch jenseits dieses privilegierten Kreises meldeten sich Viele zu Wort, die bereit waren, der willkürlichen Reaktion der Herrschenden zu trotzen. Graffiti an Wänden und auf Straßen, Flugblätter, öffentliche Proteste an Arbeitsplätzen und Universitäten wurden mit Repressalien aller Art, mit Gefängnisstrafen, Zwangsausbürgerungen, Entlassungen, Exmatrikulationen und Berufsverboten beantwortet.

SED-Ideologiechef Kurt Hager lobte die Welle der Repression als ein "reinigendes Gewitter": Die SED glaubte nun zu wissen, wer der Feind sei. Aber die Spannungen blieben und verstärkten sich noch. Sie entluden sich schließlich in der Friedlichen Revolution 1989.