Das Konzert

Am Abend des 13. November 1976 stand Wolf Biermann vor etwa 7.000 meist jungen Gewerkschaftern und Studenten in der Kölner Sporthalle. Knisternde Spannung lag in der Luft. Dem verfemten Liedermacher galt die große Sympathie und Neugier des Publikums. Auch Biermann war aufgeregt: "Vielleicht kommt es daher, dass ich die letzten zwölf Jahre immer im Zimmer gesungen habe." Er hatte sich vorgenommen in "kritischer Solidarität" über die DDR zu sprechen. So verzichtete er auf seine allerschärfsten Lieder, wie die Stasiballade oder die Populärballade, aber beschönigte auch nicht das Leben in der DDR. Seine manchmal hoffnungsvollen, manchmal bitteren, auch sarkastischen Lieder galten vor allem den Menschen, mit denen er in der DDR lebte, ihrem Mut und ihrer Verzagtheit, ihren Ängsten wie ihrer Zuversicht. Man spürte: Die DDR ist sein Land, an dem er sich reibt in Liebe und Hass. Natürlich, so sagte er, seien die Schwierigkeiten immer da am größten, wo man gerade lebt. Aber genau dort müsse man den Streit wagen, dort wo man lebt und nicht in eine vermeintlich bessere Welt weglaufen. Leidenschaftlich diskutierte er mit dem Publikum, rang um eine Position zwischen den unterschiedlichen Extremen, die ihm von den Rängen entgegenhallten. Er kritisierte die SED-Politbürokraten mit aller Schärfe, nahm sie aber – selbst Honecker – gegen maoistische Attacken in Schutz.

Mit Verzögerung drang die Nachricht vom Konzert über die Grenze. Der Westdeutsche Rundfunk hatte es zwar live im Hörfunk übertragen, doch der war in der DDR kaum zu empfangen. Drei Tage später, am 16. November, gab das Politbüro die Ausbürgerung des Liedermachers bekannt. In einem Leitartikel des "Neuen Deutschlands" wurde das, was Biermann in Köln gesagt und gesungen hatte, böswillig und verlogen auf den Kopf gestellt.

Die Nachricht der Ausbürgerung schockierte die Menschen. Die westdeutsche ARD beschloss, das gesamte Konzert im Ersten Fernsehprogramm, das nahezu in der gesamten DDR zu empfangen war, auszustrahlen. Nach Einspruch von CDU und CSU wurde diese Sendung zwar aus der Primetime ins Spätprogramm geschoben und im Sendegebiet des Bayrischen Rundfunks gänzlich gestrichen. Aber kein noch so spannender Fernsehkrimi hätte in der kalten Novembernacht derart die Straßen der DDR entvölkern können wie die Ausstrahlung des Konzerts.