Kein Interesse am Protest gegen Franco

Während die Stasi Biermann weiter bespitzelte und ihre Pläne gegen ihn verfeinerte, wartete sie auf einen günstigen Moment, diese umzusetzen. Und auf das Signal ihrer Herren im Politbüro, endlich loszuschlagen.

Im September 1975 wurde Biermann eingeladen, bei einer Veranstaltung in Offenbach gegen den mörderischen Terror des Diktators Franco in Spanien aufzutreten. Die Hinrichtung der fünf Oppositionellen Ángel Otaegui, José Humberto Baena Alonso, Ramón García Sanz, José Luis Sánchez-Bravo Solla und Juan Paredes Manot (Txiki) löste in der Weltöffentlichkeit nicht nur unter deren politischen Freunden Entsetzen aus. Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme nannte Franco einen "satanischen Mörder". Auch die DDR-Zeitungen waren gefüllt mit empörten Schlagzeilen. Ende September 1975 berief das Politbüro sogar den DDR-Botschafter in Madrid ab.

Womöglich unter diesem Eindruck genehmigte das DDR-Kulturministerium die Reise nach Offenbach und setzte Biermann davon telefonisch in Kenntnis. Das MfS war über die Genehmigung verstimmt. Hier sah man die Dinge zweckmäßiger: "Die DDR-Staatsorgane", so schrieb die Hauptabteilung IX, haben "kein zwingendes Interesse an einer Protestbekundung gegen die Terrorurteile des faschistischen Franco-Regimes vom Territorium der BRD aus". In der Tat passte ein solches Konzert nicht in ihren Ausbürgerungsplan: Wie sollte Biermann eine "Verletzung seiner staatsbürgerlichen Pflichten" nachgesagt werden, wenn er gegen faschistischen Terror auftrat?

Über die Divergenz zwischen Staatssicherheits- und Kulturministerium wurde höheren Ortes entschieden: Zurückgekehrt von einer Reise in die Sowjetunion, widerrief die SED-Spitze nach ihrer Ankunft am 13. Oktober die Reisegenehmigung. Wolf Biermann, der seinen Pass mit dem Visum im Kulturministerium abholen wollte, erhielt stattdessen ein Duplikat ohne das Visum. Der schon gestempelte Original-Pass blieb beim MfS. Biermann wurde trocken mitgeteilt, dass die Reise ausfällt. Er war bestürzt über diesen Affront. Er sei eine "Brüskierung all der Kommunisten und Antifaschisten, die diese Großveranstaltung in Offenbach gegen das Franco-Regime […] vorbereitet haben".