"Gänseblümchen" im Visier der Stasi

Die Organisation Gehlen (OG) interessierte sich mit Beginn der Kontakte zu Laurenz für Grotewohls Sekretärin Elli Barczatis. Als frisch gewonnene Quelle beurteilte die OG die Spionagefähigkeiten von Laurenz eher skeptisch und nutzte ihn vor allem als Mittelsmann für Barczatis. Sie wurde vom westdeutschen Geheimdienst seit Mitte 1953 unter dem Decknamen "Gänseblümchen" in den Akten geführt. Eine offizielle Anwerbung oder zumindest Einweisung fand, soweit Dokumente einsichtig sind, jedoch nie statt. Laurenz holte die Informationen bei Barczatis stets unter dem Vorwand seiner journalistischen Tätigkeit ein. Inwieweit Elli Barczatis tatsächlich von der Zusammenarbeit Laurenz’ mit westdeutschen Stellen wusste, ist nicht eindeutig belegt.

Obwohl der Stasi die Weitergabe interner Informationen aus dem Büro Grotewohls durch Barczatis spätestens seit 1953 bekannt war, konnte sie keine stichhaltigen Beweise für eine Spionagetätigkeit vorweisen. Dies lag vor allem daran, dass Barczatis ihre Informationen nur mündlich an Laurenz weitergab. Die Staatssicherheit blieb aber nicht tatenlos. Von Januar bis Juni 1953 wurde Barczatis zu einem Parteilehrgang an die Deutsche Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften "Walter Ulbricht" in Potsdam-Babelsberg delegiert. Vermutlich wollte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) dadurch verhindern, dass sie weitere interne Informationen aus dem Büro Grotewohls weitergab. Während des Lehrgangs setzte die Stasi mehrere Kolleginnen von Barczatis als Geheime Informatoren (GI) auf sie an. Sie gaben dem MfS persönliche Einschätzungen zu ihr und berichteten von ihren Wochenendausflügen. Im Februar beantragte ein Stasi-Mitarbeiter die Überwachung von Laurenz’ Telefonanschluss, da er während Barczatis’ Abwesenheit häufiger mit ihr in Kontakt stand.

Als Barczatis im Juni 1953, zur Zeit des Volksaufstandes, wieder nach Ost-Berlin zurückkehrte, arbeitete sie zwar wieder im Amt des Ministerpräsidenten, jedoch nicht mehr als persönliche Sekretärin Grotewohls. Damit wurde ihr der Zugang zu sensiblen Informationen verschlossen und Laurenz konnte nur noch wenige nachrichtendienstlich verwertbare Berichte liefern. In dieser letzten Phase wurde eine weitere Kollegin, in den Stasi-Akten als GI „Lina“ verzeichnet, von der Stasi beauftragt, Elli Barczatis bewusst Fallen zu stellen.

Im November 1954 spitzte sich die Lage für Barczatis und Laurenz zu. Die Stasi intensivierte den Gruppenvorgang "Sylvester" im Zuge der Aktion "Blitz". Dabei handelte es sich um eine Teilaktion im Rahmen der "Konzentrierten Schläge", bei der die Geheimpolizei gegen westliche, antisozialistische Organisationen innerhalb und außerhalb der DDR vorging. In den Akten ist dokumentiert, dass die Stasi die Festnahme von Barczatis und Laurenz bereits für Dezember 1954 geplant hatte. Offenbar reichte das Belastungsmaterial jedoch nicht aus, sodass die Verhaftung erst drei Monate später stattfand.