[Sprecher:]
Ähnliche Erfahrungen, vor allem im Berufsleben, machte der [anonymisiert], der nach [anonymisiert] in [anonymisiert] übersiedelte und heute wieder in seiner Heimatstadt [anonymisiert] lebt.
[Stasi-Mitarbeiter Gerd Knauer:]
[anonymisiert], wann und warum haben Sie sich entschlossen, die Deutsche Demokratische Republik zu verlassen und in die Bundesrepublik überzusiedeln?
[Diplom-Chemiker:]
Ich habe den ersten Antrag auf Übersiedelung in die Bundesrepublik im Januar 1982 gestellt, - äh - weil es für mich persönlich oder ich habe für mich persönlich keine weitere Entwicklungsmöglichkeit gesehen, in beruflicher Hinsicht, vielleicht auch in menschlicher Hinsicht. 73, jetzt muss ich also überlegen, ja, bin ich geschieden, lebe seit dieser Zeit alleine, im Wesentlichen, und - äh - so etwa und dann, es kommt also noch hinzu, dass ich also, ich sag mal, für mich also persönlich keine berufliche Weiterentwicklung gesehen habe. Ich habe das in Zusammenhang gebracht mit - äh - der Tatsache, dass ich einen Bruder in der Bundesrepublik habe. Äh - ich habe die Beziehung zu meinem Bruder in der Bundesrepublik auch, na sagen wir mal, nicht abgebrochen. Der Kontakt innerhalb unserer Familie war relativ, sagen wir mal, stark oder gut ausgeprägt. Es gab also recht gute verwandtschaftliche Beziehungen. Äh - ich hatte außerdem - äh - in dieser Zeit damals, so Mitte der Siebziger bis Ender der siebziger Jahre oder Anfang der achtziger Jahre, das Bedürfnis - ich war gerade so um [anonymisiert] herum - wollte mich nochmal in meinem Leben verändern.
[Stasi-Mitarbeiter Gerd Knauer:]
Und mit welchen Erwartungen sind Sie in die BRD gegangen?
[Diplom-Chemiker:]
Äh - ich hatte eigentlich die Erwartung und die Vorstellung vor allem, dass ich eine Arbeit finde - äh -, die, entsprechend der Möglichkeiten der BRD auch, na sagen wir mal, relativ gut bezahlt ist und die vielleicht auch meine Erfahrungen in fachlicher Hinsicht mit einschließt. Ich hatte auch erwartet, dass mich bei der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz, auch mein Bruder unterstützt und dass ich vielleicht auch erstmal, zunächst auch erst einmal ein bisschen verwandtschaftlichen und menschlichen Kontakt und Anschluss finde - äh - war davon ausgegangen, da ich ja auch von mir aus den Kontakt zu ihm gehalten habe, was mir einige Nachteile in der DDR eingebracht hat, dass nun umgekehrt auch eine entsprechende Reaktion vorhanden gewesen wäre. Äh - das war zunächst erst einmal - äh - eine wichtige Vorstellung, denn ich hatte also nicht daran gedacht oder hätte nicht daran gedacht, dass ich eigentliche keine Arbeit finden würde. Nich? Denn - äh - ich bin auch kein Mensch, der nun - äh - gerne untätig ist, sondern ich möchte tätig sein und möchte auch sehen, dass meine Arbeit Sinn hat und so weiter und so fort. Das war eine ganz wichtige Geschichte.
[Stasi-Mitarbeiter Gerd Knauer:]
Welche Bemühungen haben Sie, [anonymisiert], unternommen, um Arbeit zu finden?
[Diplom-Chemiker:]
Zunächst erst mal - äh - bin ich über Gießen in der BRD - äh - eingereist und - äh - dort wird man im Prinzip zunächst erst mal schon vorbereitet und durchläuft das Aufnahmeverfahren und dort kriegt man also schon ein Formular für das Arbeitsamt. Und - äh - darauf aufbauend, wendet man, und das habe ich auch getan, dann sofort, das ging bei mir relativ schnell, in dem Wohnort, das war bei mir [anonymisiert] - äh - an das zuständige Arbeitsamt und dort - äh - läuft dann im Prinzip eigentlich so eine Art Vermittlungsverfahren an. Es werden entsprechende Unterlagen erstellt, über die berufliche Qualifikation, über den beruflichen Werdegang, Spezialkenntnisse und so weiter und so fort. Und das ist irgendein EDV-System, das die dort haben. Man muss also die entsprechenden Unterlagen dafür ausfüllen. Und - äh - da war ich also eigentlich der Auffassung, dass von da aus irgendwie etwas erfolgen würde. Das heißt, dass ich irgendeine Arbeitsstelle über das Arbeitsamt angeboten - äh - bekommen würde, zumal meine Daten und Unterlagen auch in einen, na sagen wir mal, bundesweiten Speicher mit eingegeben wurden. Und ich war also der Auffassung, ich war so naiv, muss ich nach meiner jetzigen Erfahrung sagen, dass sich da also irgendwie etwas tun würde, dass also irgendwelche Betrieb oder Institutionen - äh - Interesse an meiner Arbeitskraft, an meinen Erfahrungen und so weiter haben würde. Das hat sich aber nicht erfüllt. Nach einem knappen Jahr habe ich weder vom Arbeitsamt, noch von dieser Bundeszentrale für Arbeitsvermittlung - ich weiß jetzt nicht mehr nicht mehr ganz genau, wie der Verein heißt - hab ich also kein einziges Angebot bekommen.
[Stasi-Mitarbeiter Gerd Knauer:]
Sie haben sich dann, unabhängig von diesen Behörden, selbst um Arbeit bemüht. Was für Betriebe haben Sie angeschrieben und wie war die Reaktion darauf?
[Diplom-Chemiker:]
Das sind Betriebe gewesen der [anonymisiert] Industrie - äh - na sagen wir mal, Bundeseinrichtungen der [anonymisiert], auch ein Hochschulinstitut - äh - wo ebenfalls auf diesem Arbeitsgebiet - äh - gearbeitet wird. Die Reaktion war negativ - äh - es wurde mir also erklärt, dass auf absehbare Zeit - äh - für mich keine Einsatzmöglichkeit - äh - vorhanden ist. Das bezieht sich insbesondere auf die - äh - Großbetriebe der [anonymisiert] in der Bundesrepublik, wo ich also eine ganz glatte Absage erhalten habe und wo ich aus - äh - einigen Formulierungen entnommen habe, dass grundsätzlich offensichtlich gegenüber ehemaligen DDR-Bürgern Vorbehalte vorhanden sind.
[Stasi-Mitarbeiter Gerd Knauer:]
Hatten Sie als hochgebildeter Spezialist, [anonymisiert], damit gerechnet, dass die ja allgemein bekannte hohe Arbeitslosigkeit in der BRD auch sie treffen würde?
[Diplom-Chemiker:]
Ich glaube, dass man als DDR-Bürger oder dass viele DDR-Bürger der Meinung sind, wenn über das Problem der Arbeitslosigkeit in den Medien der DDR berichtet wird, dass da viel Propaganda dabei wäre. Äh - ich habe aber selbst die Erfahrung machen müssen, dass die Angaben - nach meiner Auffassung und nach meiner jetzigen Kenntnis über Situation auf dem Arbeitsmarkt der Bundesrepublik - eher noch untertrieben sind. Äh - die offizielle Arbeitslosenstatistik - äh - in der Bundesrepublik, die ja in den Medien veröffentlicht wird und die ja in der DDR ja korrekt wiedergegeben wird - nach meiner jetzigen Auffassung - ist eher noch untertrieben, weil viele - äh - Sozialhilfeempfänger und andere Leute, die sich wahrscheinlich gar nicht auf dem Arbeitsamt melden oder keinen Anspruch mehr auf irgendwelche Unterstützung haben, dabei nicht erfasst sind. Äh - ich glaube, dass die Zahl zwei Komma noch was Millionen - äh - eigentlich noch zu niedrig ist. Ich - um auf Ihre Frage zurück zu kommen - äh - war eigentlich der Ansicht, dass dieses Problem sich für mich nicht stellen würde. Davon bin ich eigentlich ausgegangen. Ich habe gedacht, du bist ein Mann, der Spezialkenntnisse hat, der langjährige Berufserfahrung hat und - äh - auch gerade im Bereich der [anonymisiert] Industrie - äh - dass man also da - äh - keine Schwierigkeiten hätte, einen entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Äh - der zweite Gesichtspunkt ist, dass natürlich auch - äh - die Altersfrage eine Rolle spielt. Äh - wer also 40 ist und älter, hat sicherlich viel schlechtere Aussichten in der Bundesrepublik eine Arbeit zu kriegen. Das sollte sich so mancher überlegen - äh - der sich im Moment mit einer solchen Absicht trägt.
[Stasi-Mitarbeiter Gerd Knauer:]
[anonymisiert], Sie haben in [anonymisiert] bei Ihrem Bruder gelebt. Kann ich aus der Tatsache, dass Sie heute wieder hier sind, kann ich daraus schließen, dass die familiären Bande nicht in der Lage waren, Ihnen die Heimat zu ersetzen?
[Diplom-Chemiker:]
Äh - das trifft voll zu, was Sie sagen. Ich habe eigentlich - äh - diesen Faktor sehr unterschätzt. Äh - zunächst erstmal ist es etwas völlig anderes und verschiedenes, wenn man zum Beispiel einen Verwandten hin und wieder einmal sieht, ein oder zwei Mal im Jahr, bei familiären Anlässen meistens. Äh - und dabei - na - sich einbildet, dass es da noch viel und große Gemeinsamkeiten gibt. In Wirklichkeit, und diese Erfahrung habe ich jetzt gemacht, hat man sich doch sehr - äh - auseinandergelebt und - äh - es gibt gar nicht mehr so viele Gemeinsamkeiten. Die Entwicklung und die gesamte gesellschaftliche Ausgangssituation ist doch sehr unterschiedlich und - äh - das sollte man als DDR-Bürger nicht unterschätzen. Es ist gar nicht so einfach, sich in dieser anderen Welt zurecht zu finden. Das bringt menschliche Probleme mit sich - äh - das Leben in der Bundesrepublik ist doch in vieler Hinsicht anders. Ich würde auch sagen, dass die Menschen untereinander - äh - ich will nicht sagen, kühler sind, aber in vieler Hinsicht doch berechnender und - äh - das Leben - äh - der scharfe Konkurrenzkampf, der auch dort herrscht, auch auf dem Arbeitsmarkt gerade, führt dazu, dass doch - äh - an vielen Stellen menschliche Wärme fehlt. Äh - es war von mir also eine falsche Vorstellung, zu erwarten, dass - äh - einen, na sagen wir mal, familiären Kontakt da aufbauen könnte zu meinem Bruder und auch zur Familie meines Bruders. Das ist schwieriger als man sich das vorstellt. Und - äh - das war also auch von mir aus eine völlige Fehleinschätzung. Auch das Gefühl - und obwohl ich nun nicht mehr der Jüngste bin - äh - die Heimat, das Gefühl der Heimat und das Verbundensein auch mit einer Landschaft und mit Menschen, mit denen man jahrzehntelang zusammengelebt hat, ist etwas, was man nicht abschütteln kann und womit man fertig werden muss. Äh - ich hätte mich selbst, um es ehrlich zu sagen, da etwas härter eingeschätzt, als ich wirklich dann war. Das hat mich also auch sehr beschäftigt. Mir hat eigentlich die Heimat gefehlt. Ich bekenne mich dazu. Und - äh - ich habe also festgestellt, dass ich ein wesentlich stärkeres Heimatgefühl habe, als ich es eigentlich gedacht habe und dass, wenn man als DDR-Bürger die DDR verlässt, man auch seine Heimat verlässt.
[Stasi-Mitarbeiter Gerd Knauer:]
[anonymisiert], ich wünsche Ihnen, da Sie nun wieder in der Heimat sind, für die Zukunft alles Gute und bedanke mich für das Gespräch.