Neustart

Dass ein Weltklasse-Athlet der DDR tatsächlich das Land verlassen durfte, war für viele Beobachter überraschend und nicht offenkundig erklärbar. So geriet der „Wanderer zwischen Ost und West“ (Neue Rhein Zeitung) zunächst in den Verdacht, im Auftrag der Staatssicherheit nach Österreich eingereist zu sein. Das Magazin "Der Spiegel" sprach gar von einer "DDR-Flucht mit Vorsicht".

Mit dem Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft am 21. Dezember 1977, anderthalb Jahre nach den olympischen Spielen in Innsbruck, sollten sich die Zweifel an seinen Motiven legen. Zudem blieb Tuchscherer dem Sport treu, wechselte aber die Disziplin und startete fortan nur noch im Skispringen. Den ersten Wettkampf für Österreich bestritt er noch im selben Jahr der Flucht aus der DDR, am 30. Dezember 1976 im Rahmen der Vierschanzentournee in Oberstdorf. Dieser Start bei der Vierschanzentournee und späteren Sportereignissen war allerdings nur mit Zustimmung der DDR-Institutionen möglich.

Das Reglement für internationale Wettbewerbe besagte, dass wenn ein Sportler für ein anderes Land an den Start gehen wollte, feste Fristen einzuhalten seien. Auch für die Olympischen Spiele in Lake Placid im Jahr 1980 musste das österreichische Olympische Komitee die DDR um eine Starterlaubnis bitten. Anders als etwa noch im Falle des „republikflüchtigen“ Eisschnellläufers Horst Frese, der 1969 in den Westen flüchtete, wurde sie Tuchscherer zeitnah gewährt.

Die inoffiziellen Mitarbeiter "Falun", "Wolfgang" und "Lux" nutzten die Begegnungen bei solchen Großveranstaltungen, um über Tuchscherers Entwicklung zu berichten. So wusste die Staatssicherheit von seiner Formkurve, erfuhr etwas über die Stimmung innerhalb des österreichischen Teams und über die Sympathien der Zuschauer für den einstigen DDR-Sportler. Über weitere Quellen gewann sie Informationen zur Meinung der Presse und der eigenen Bevölkerung zum Vorfall – Teile der stetigen Beobachtung der Nachwirkungen von Tuchscherers Flucht.

Große sportliche Erfolge errang Tuchscherer nicht mehr. Bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft 1978 in Lahti verlor er beim Sprung von der Großschanze seinen rechten Ski und zog sich eine Wirbelsäulenkrümmung zu. Gerüchte, dass die Stasi für den Unfall verantwortlich war, lassen sich mit dem bisher im Stasi-Unterlagen-Archiv gesichteten Material jedoch nicht untermauern. Im Jahr 1982 beendete er im Alter von 26 Jahren seine aktive Karriere als Leistungssportler.

Neben Tuchscherers sportlicher Entwicklung behielt die Stasi sein Privatleben und die Kontakte zu seinen Angehörigen in der DDR im Blick. Seine Post wurde abgefangen und teilweise in Kopie abgelegt. Stellten seine Eltern Anträge für Besuchsreisen nach Österreich, wurden diese nach Berlin zur Entscheidung weitergeleitet und gingen dort direkt über den Tisch von Paul Kienberg, dem Leiter der Hauptabteilung XX.

Auf dieser Grundlage war die Stasi in der Lage, ihre Auskunftsberichte zu Tuchscherer regelmäßig zu aktualisieren, als Bestandteil des Zentralen Operativen Vorgangs "Sportverräter". In dieser Akte wurden Sportler, Funktionäre und Mediziner, die in den Westen geflohen waren, erfasst.