Signatur: BArch, MfS, AP, Nr. 26836/92, Bl. 101-106
Nachdem Klaus Tuchscherer sich 1976 von der DDR-Olympiamannschaft abgesetzt hatte, erklärte er sich bereit, in die DDR zurückzukehren. Bald äußerte er jedoch den Wunsch, legal nach Österreich übersiedeln zu dürfen. Die Stasi entwarf dafür einen Plan.
Aus Liebe zu einer jungen Österreicherin nutzte der Nordische Kombinierer Klaus Tuchscherer seine Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck, um sich abzusetzen und im Westen zu bleiben. Dennoch erklärte er sich zu einer streng kontrollierten Rückkehr in die Heimat bereit, doch nicht für lange.
Während seines Aufenthaltes in der DDR wurde Klaus Tuchscherer mehrfach von Horst Gerlach, dem späteren Stellvertretenden Leiter der Hauptabteilung XX, aufgesucht. In insgesamt fünf Gesprächen brachte Tuchscherer ihm gegenüber deutlich seinen Wunsch zum Ausdruck, legal nach Österreich übersiedeln zu dürfen. In Zusammenarbeit mit der Konsularabteilung des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten erarbeite die Staatssicherheit daraufhin verschiedene Szenarien, wie weiter mit dem einstigen Nachwuchssportler zu verfahren war. Die Geheimpolizisten wollten in jedem Fall verhindern, dass Klaus Tuchscherer künftig für andere Staaten an den Start ginge. Zudem schien ihr der Fall geeignet, die westliche "Hetze" zu widerlegen und der Weltöffentlichkeit zu beweisen, dass die DDR um jeden ihrer Bürger kämpfe und dabei Großzügigkeit walten ließe.
Am 1. April 1976 bestätigte Mielke den "Vorschlag zum Verfahrensweg der Übersiedlung" mit seiner Unterschrift auf dem Briefkopf. Mit einem Papier vom 8. April, das ebenfalls über den Schreibtisch des Ministers ging, wurde das weitere Vorgehen noch einmal konkretisiert.
Nach gewissenhafter Prüfung des Persönlichkeitsbildes von Tuchscherer und unter Berücksichtigung seines Gesamtverhaltens an der KJS und im Sportclub Dynamo Klingenthal, nach Anhörung der ihm betreuenden Funktionäre, Trainer und Sportmediziniern, die mit ihm unmittelbar zu tun haben sowieso aus eigenen Erfahrungen, die bei Gesprächen mit den Eltern von Tuchscherer und ihm selbst gewonnen wurden, erscheint es zweckmäßig, wegen seiner engen familiären Bande und der damit im Zusammenhang stehenden durch Tuchscherer beabsichtigten weiteren familiären Beziehungen zu seinen Eltern und Verwandten in der DDR im abschließenden Gespräch mit Tuchscherer für dessen Beibehaltung der DDR-Staatsbürgerschaft zu plädieren.
Mit diesem zu erreichenden Ergebnis würde
a)eine Verzögerung bzw. Verhinderung des Einsatzes Tuchscherer's im Leistungssport für die Zukunft erzielt.
b)Unter Berücksichtigung der dargstellten Situation ist einzukalkulieren, daß er zukünftig weiterin die DDR besucht, ohne daß Reisebschränkungen wirksam würden.
Sollte Tuchscherer die Möglichkeit des Angebotes der Beibehaltung der Staatsbürgerschaft der DDR ablehnen, wäre eine Wiedereinreise in die DDR in Zukunft von seiner künftigen Rolle, die er im österreichischen Leistungssport spielt abhängig und zu einer politischen Ermessensfrage zu machen.
Hauptabteilung XX (Staatsapparat, Kultur, Kirchen, Untergrund)
Die Hauptabteilung XX bildete den Kernbereich der politischen Repression und Überwachung der Staatssicherheit. In Struktur und Tätigkeit passte sie sich mehrfach an die sich wandelnden Bedingungen der Herrschaftssicherung an. Die Diensteinheit ging 1964 durch Umbenennung aus der Hauptatbeilung V hervor, die ihrerseits in den Abteilungen V und VI (1950–1953) ihre Vorläufer hatte.
Die Hauptabteilung XX und die ihr nachgeordneten Abteilungen XX in den Bezirksverwaltungen (Linie XX) sowie entsprechende Arbeitsbereiche in den KD überwachten wichtige Teile des Staatsapparates (u. a. Justiz, Gesundheitswesen und bis 1986 das Post- und Fernmeldewesen), die Blockparteien und Massenorganisationen, den Kultur- und Sportbereich, die Medien und die Kirchen sowie SED-Sonderobjekte und Parteibetriebe. Federführend war die Hauptabteilung XX auch bei der Bekämpfung der "politischen Untergrundtätigkeit" (PUT), also der Opposition.
Ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre und verstärkt seit dem Beginn der Entspannungspolitik fühlte sich das SED-Regime zunehmend durch die "politisch-ideologische Diversion" (PiD) bedroht. Die Schwächung der "Arbeiter-und-Bauern-Macht" durch "ideologische Aufweichung und Zersetzung" galt als Hauptinstrument des Westens bei der Unterminierung der DDR. Auch bei der Bekämpfung der PiD hatte die Hauptabteilung XX innerhalb des MfS die Federführung.
Das Erstarken der Bürgerrechtsbewegung (Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen) in der DDR führte in den 80er Jahren zu einem weiteren Bedeutungszuwachs der Linie XX. In der DA 2/85 bestätigte Minister Mielke dementsprechend die Federführung der Hauptabteilung XX bei der Bekämpfung der PUT.
Im Verlauf der fast 40-jährigen Entwicklung der Hauptabteilung XX veränderte sich ihre Struktur mehrfach. In der Endphase verfügte sie über neun operative Abteilungen und vier Funktionalorgane der Leitung (Sekretariat, Arbeitsgruppe der Leitung, Koordinierungsgruppe des Leiters, Auswertungs- und Kontrollgruppe).
Die Hauptabteilung V lag ab 1953 zunächst im unmittelbaren Anleitungsbereich von Mielke in seiner Eigenschaft als 1. Stellvertreter des Staatssicherheitschefs. Ab 1955 war der stellvertretende Minister Bruno Beater und 1964–1974 der stellv. Minister Fritz Schröder auf der Ebene der MfS-Leitung für die Hauptabteilung XX zuständig. Beide waren zuvor selbst (Beater 1953–1955, Schröder 1955–1963) Leiter der Hauptabteilung V. Seit 1975 gehörte die Hauptabteilung XX zum Verantwortungsbereich von Mielkes Stellvertreter Rudi Mittig. Von 1964 bis zur Auflösung des MfS leitete Kienberg die Hauptabteilung XX. Ihm standen seit 1965 zwei Stellvertreter zur Seite.
1954 waren in der Hauptabteilung V insgesamt 139 Mitarbeiter beschäftigt. Im Herbst 1989 verfügte die Hauptabteilung XX über 461 Mitarbeiter, von denen mehr als 200 als IM-führende Mitarbeiter eingesetzt waren.
In den 15 Bezirksverwaltungen waren auf der Linie XX im Oktober 1989 insgesamt knapp 1.000 Kader und damit auf der gesamten Linie XX fast 1.500 hauptamtliche Mitarbeiter im Einsatz. Gleichzeitig konnte allein die Hauptabteilung XX mit etwas mehr als 1.500 IM auf einen überdurchschnittlich hohen Bestand an inoffiziellen Kräften zurückgreifen. Ihrem Aufgabenprofil entsprechend spiegelt sich nicht zuletzt in der Entwicklung der Hauptabteilung XX auch die Geschichte von Opposition, Widerstand und politischer Dissidenz in der DDR. Im Herbst 1989 wurden von der Diensteinheit 31 Operative Vorgänge (10 Prozent aller Operativen Vorgänge im Berliner Ministeriumsbereich) und 59 Operative Personenkontrollen (8,7 Prozent) bearbeitet.
Die Allgemeine Personenablage (AP) ist Teil der Operativen Hauptablage. Sie umfasst nichtregistriertes Material über Personen (z. B. aus Sicherungsvorgängen, Sicherheitsüberprüfungen und Zentralen Materialablagen der operativen Diensteinheiten) und ist personenbezogen nutzbar über die F 16. Die Gesamtzahl beträgt in der Abteilung XII des MfS 255.016 Signaturen. Nur dort wurden durch die Abteilung X personenbezogene Informationen anderer Ostblock-Geheimpolizeien abgelegt, gekennzeichnet durch ein "X".
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Signatur: BArch, MfS, AP, Nr. 26835/92, Bl. 80-82
Nachdem Klaus Tuchscherer sich 1976 von der DDR-Olympiamannschaft abgesetzt hatte, erklärte er sich bereit, in die DDR zurückzukehren. Bald äußerte er jedoch den Wunsch, legal nach Österreich übersiedeln zu dürfen. Die Stasi stimmte diesem Wunsch überraschend zu.
Aus Liebe zu einer jungen Österreicherin nutzte der Nordische Kombinierer Klaus Tuchscherer seine Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck, um sich abzusetzen und im Westen zu bleiben. Dennoch erklärte er sich zu einer streng kontrollierten Rückkehr in die Heimat bereit, doch nicht für lange.
Von Mitte März bis Mitte April führten Mitarbeiter der Staatssicherheit insgesamt fünf Gespräche mit Klaus Tuchscherer. Immer wieder bekräftigte dieser dabei seinen Wunsch, legal nach Österreich überzusiedeln. Das letzte Treffen fand am 13. April in der Wohnung seiner Eltern statt. Dort übergab ihm Horst Gerlach von der Hauptabteilung XX/3 einen DDR-Pass, ein österreichisches Visum und Flugtickets. Alle künftigen Fragen zu seinem Aufenthaltsstatus sollte er künftig mit der Botschaft der DDR in Wien klären. Vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten ließ sich die Staatssicherheit allerdings zusichern, alle Tuchscherer betreffenden Fragen auch künftig mit ihr abgestimmt würden.
Am Folgetag wurden Klaus Tuchscherer und seine Begleiterin zum Flughafen Berlin-Schönefeld gefahren. Ihre Maschine der DDR-Fluggesellschaft Interflug in Richtung Wien startete um 17.00 Uhr.
Einen Tag später bestätigte Erich Mielke mit seiner Unterschrift den Erhalt der Nachricht.
Hauptabteilung XX/3
[Handschriftliche Ergänzung: XX/VL/1630/76]
[Handschriftliche Ergänzung: XX/VL/363/76]
Berlin, den 14. 4. 1976
Ge/So
[Paraphe: mi. 15.4.76]
Information
über die Aussprache mit Claus Tuchscherer am 13.4.1976
Auf der Grundlage der bestätigten Konzeption wurde am 13.4.1976 das fünfte Gespräch mit Claus Tuchscherer in der Wohnung seiner Eltern in Schönheide, [anonymisiert] durch Genossen Oberstleutnant GERLACH geführt.
Die Wohnung wurde gegen 21.30 Uhr betreten und in Anwesenheit von Claus Tuchscherer [anonymisiert], der Eltern des Tuchscherer und seines Bruders die Aussprache durchgeführt.
Claus Tuchscherer wurde sein gültiger DDR-Paß mit dem darin enthaltenen Visum der DDR mit 180 Tagen Gültigkeit für mehrmalige Ein- und Ausreisen und dem österreichischen Visum, welches für eine einmalige Einreise und mit einem Aufenthalt bis 12.7.1976 abgefaßt ist, übergeben.
Tuchscherer erkundigte sich nochmals in diesem Zusammenhang, wie sich künftighin Besuchsreisen seinerseits in die DDR möglich machen. Ihm wurde erläutert, daß er als DDR-Bürger ständig, auch ohne Visum der DDR, in unsere Republik einreisen kann. Gleichzeitig wurde er darauf hingewiesen, daß er sich bei den österreichischen Behörden für künftige Aus- und Einreisen ein neues Visum beschaffen muß.
Auf die Frage, wie und wann er gedenkt die Reise anzutreten, erklärte Tuchscherer daß er auf die festgelegte Antwort gewartet habe. Er sei sich noch nicht völlig im klaren, mit welchem Verkehrsmittel er nach Österreich reisen will.
Seiner Meinung zufolge wäre eine Reise mit der Eisenbahn seinen Vorstellungen entsprechend.
Hauptabteilung XX (Staatsapparat, Kultur, Kirchen, Untergrund)
Die Hauptabteilung XX bildete den Kernbereich der politischen Repression und Überwachung der Staatssicherheit. In Struktur und Tätigkeit passte sie sich mehrfach an die sich wandelnden Bedingungen der Herrschaftssicherung an. Die Diensteinheit ging 1964 durch Umbenennung aus der Hauptatbeilung V hervor, die ihrerseits in den Abteilungen V und VI (1950–1953) ihre Vorläufer hatte.
Die Hauptabteilung XX und die ihr nachgeordneten Abteilungen XX in den Bezirksverwaltungen (Linie XX) sowie entsprechende Arbeitsbereiche in den KD überwachten wichtige Teile des Staatsapparates (u. a. Justiz, Gesundheitswesen und bis 1986 das Post- und Fernmeldewesen), die Blockparteien und Massenorganisationen, den Kultur- und Sportbereich, die Medien und die Kirchen sowie SED-Sonderobjekte und Parteibetriebe. Federführend war die Hauptabteilung XX auch bei der Bekämpfung der "politischen Untergrundtätigkeit" (PUT), also der Opposition.
Ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre und verstärkt seit dem Beginn der Entspannungspolitik fühlte sich das SED-Regime zunehmend durch die "politisch-ideologische Diversion" (PiD) bedroht. Die Schwächung der "Arbeiter-und-Bauern-Macht" durch "ideologische Aufweichung und Zersetzung" galt als Hauptinstrument des Westens bei der Unterminierung der DDR. Auch bei der Bekämpfung der PiD hatte die Hauptabteilung XX innerhalb des MfS die Federführung.
Das Erstarken der Bürgerrechtsbewegung (Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen) in der DDR führte in den 80er Jahren zu einem weiteren Bedeutungszuwachs der Linie XX. In der DA 2/85 bestätigte Minister Mielke dementsprechend die Federführung der Hauptabteilung XX bei der Bekämpfung der PUT.
Im Verlauf der fast 40-jährigen Entwicklung der Hauptabteilung XX veränderte sich ihre Struktur mehrfach. In der Endphase verfügte sie über neun operative Abteilungen und vier Funktionalorgane der Leitung (Sekretariat, Arbeitsgruppe der Leitung, Koordinierungsgruppe des Leiters, Auswertungs- und Kontrollgruppe).
Die Hauptabteilung V lag ab 1953 zunächst im unmittelbaren Anleitungsbereich von Mielke in seiner Eigenschaft als 1. Stellvertreter des Staatssicherheitschefs. Ab 1955 war der stellvertretende Minister Bruno Beater und 1964–1974 der stellv. Minister Fritz Schröder auf der Ebene der MfS-Leitung für die Hauptabteilung XX zuständig. Beide waren zuvor selbst (Beater 1953–1955, Schröder 1955–1963) Leiter der Hauptabteilung V. Seit 1975 gehörte die Hauptabteilung XX zum Verantwortungsbereich von Mielkes Stellvertreter Rudi Mittig. Von 1964 bis zur Auflösung des MfS leitete Kienberg die Hauptabteilung XX. Ihm standen seit 1965 zwei Stellvertreter zur Seite.
1954 waren in der Hauptabteilung V insgesamt 139 Mitarbeiter beschäftigt. Im Herbst 1989 verfügte die Hauptabteilung XX über 461 Mitarbeiter, von denen mehr als 200 als IM-führende Mitarbeiter eingesetzt waren.
In den 15 Bezirksverwaltungen waren auf der Linie XX im Oktober 1989 insgesamt knapp 1.000 Kader und damit auf der gesamten Linie XX fast 1.500 hauptamtliche Mitarbeiter im Einsatz. Gleichzeitig konnte allein die Hauptabteilung XX mit etwas mehr als 1.500 IM auf einen überdurchschnittlich hohen Bestand an inoffiziellen Kräften zurückgreifen. Ihrem Aufgabenprofil entsprechend spiegelt sich nicht zuletzt in der Entwicklung der Hauptabteilung XX auch die Geschichte von Opposition, Widerstand und politischer Dissidenz in der DDR. Im Herbst 1989 wurden von der Diensteinheit 31 Operative Vorgänge (10 Prozent aller Operativen Vorgänge im Berliner Ministeriumsbereich) und 59 Operative Personenkontrollen (8,7 Prozent) bearbeitet.
Die Allgemeine Personenablage (AP) ist Teil der Operativen Hauptablage. Sie umfasst nichtregistriertes Material über Personen (z. B. aus Sicherungsvorgängen, Sicherheitsüberprüfungen und Zentralen Materialablagen der operativen Diensteinheiten) und ist personenbezogen nutzbar über die F 16. Die Gesamtzahl beträgt in der Abteilung XII des MfS 255.016 Signaturen. Nur dort wurden durch die Abteilung X personenbezogene Informationen anderer Ostblock-Geheimpolizeien abgelegt, gekennzeichnet durch ein "X".
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Signatur: BArch, MfS, AP, Nr. 26835/92, Bl. 80-82
Nachdem Klaus Tuchscherer sich 1976 von der DDR-Olympiamannschaft abgesetzt hatte, erklärte er sich bereit, in die DDR zurückzukehren. Bald äußerte er jedoch den Wunsch, legal nach Österreich übersiedeln zu dürfen. Die Stasi stimmte diesem Wunsch überraschend zu.
Aus Liebe zu einer jungen Österreicherin nutzte der Nordische Kombinierer Klaus Tuchscherer seine Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck, um sich abzusetzen und im Westen zu bleiben. Dennoch erklärte er sich zu einer streng kontrollierten Rückkehr in die Heimat bereit, doch nicht für lange.
Von Mitte März bis Mitte April führten Mitarbeiter der Staatssicherheit insgesamt fünf Gespräche mit Klaus Tuchscherer. Immer wieder bekräftigte dieser dabei seinen Wunsch, legal nach Österreich überzusiedeln. Das letzte Treffen fand am 13. April in der Wohnung seiner Eltern statt. Dort übergab ihm Horst Gerlach von der Hauptabteilung XX/3 einen DDR-Pass, ein österreichisches Visum und Flugtickets. Alle künftigen Fragen zu seinem Aufenthaltsstatus sollte er künftig mit der Botschaft der DDR in Wien klären. Vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten ließ sich die Staatssicherheit allerdings zusichern, alle Tuchscherer betreffenden Fragen auch künftig mit ihr abgestimmt würden.
Am Folgetag wurden Klaus Tuchscherer und seine Begleiterin zum Flughafen Berlin-Schönefeld gefahren. Ihre Maschine der DDR-Fluggesellschaft Interflug in Richtung Wien startete um 17.00 Uhr.
Einen Tag später bestätigte Erich Mielke mit seiner Unterschrift den Erhalt der Nachricht.
Da er jedoch keine Fahrkarten hatte und auch selbst noch keine Einzelheiten über die Zugverbindung kannte, wurden ihm die von unserer Seite vorher beschafften Flugtickets für seine Reise nach Wien empfohlen.
Tuchscherer nahm diese Flugtickets entgegen und bezahlte die 520 M, [anonymisiert].
Im Anschluß daran wollte er wissen, welche Probleme bei seiner Ausreise auftreten könnten, da er noch 10.000 Schillinge und 1.000 Westmark bei sich führt. Ihm wurde erklärt, daß er dieselben bei der Ausreise angeben muß und daß dabei unsererseits keine Probleme auftreten werden. Ihm wurde empfohlen, bei künftigen Einreisen in die DDR sich an die gesetzlichen Bestimmungen zu halten.
Über das Reiseziel Tuchscherer's gab er erneut an, daß er mit [anonymisiert] gemeinsam nach wie vor die Absicht hat, zu der Schwester der Großmutter der [anonymisiert] für ca. acht Tage zu reisen. Nach Lage der Dinge, so schilderte Tuchscherer, beabsichtigt er dann zu [anonymisiert] zu fahren. Von diesem Zeitpunkt an will er die bereits beim letzten Gespräch getroffene Vereinbarung realisieren, seinen BRD-Paß von den Eltern der [anonymisiert] abzuholen und mit der entsprechenden Erklärung bei der DDR-Botschaft in Wien abgeben.
Tuchscherer wurde nochmals befragt, wer von seinem Reisetermin Kenntnis hat, worauf er antwortete, daß sie niemanden vom genauen Reisetermin informiert haben. Sie hätten lediglich [anonymisiert] mitgeteilt, daß sie zurückkommen wollen.
Tuchscherer wurde nochmals empfohlen, alle Fragen zukünftig mit der DDR-Botschaft in Wien zu regeln.
Hauptabteilung XX (Staatsapparat, Kultur, Kirchen, Untergrund)
Die Hauptabteilung XX bildete den Kernbereich der politischen Repression und Überwachung der Staatssicherheit. In Struktur und Tätigkeit passte sie sich mehrfach an die sich wandelnden Bedingungen der Herrschaftssicherung an. Die Diensteinheit ging 1964 durch Umbenennung aus der Hauptatbeilung V hervor, die ihrerseits in den Abteilungen V und VI (1950–1953) ihre Vorläufer hatte.
Die Hauptabteilung XX und die ihr nachgeordneten Abteilungen XX in den Bezirksverwaltungen (Linie XX) sowie entsprechende Arbeitsbereiche in den KD überwachten wichtige Teile des Staatsapparates (u. a. Justiz, Gesundheitswesen und bis 1986 das Post- und Fernmeldewesen), die Blockparteien und Massenorganisationen, den Kultur- und Sportbereich, die Medien und die Kirchen sowie SED-Sonderobjekte und Parteibetriebe. Federführend war die Hauptabteilung XX auch bei der Bekämpfung der "politischen Untergrundtätigkeit" (PUT), also der Opposition.
Ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre und verstärkt seit dem Beginn der Entspannungspolitik fühlte sich das SED-Regime zunehmend durch die "politisch-ideologische Diversion" (PiD) bedroht. Die Schwächung der "Arbeiter-und-Bauern-Macht" durch "ideologische Aufweichung und Zersetzung" galt als Hauptinstrument des Westens bei der Unterminierung der DDR. Auch bei der Bekämpfung der PiD hatte die Hauptabteilung XX innerhalb des MfS die Federführung.
Das Erstarken der Bürgerrechtsbewegung (Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen) in der DDR führte in den 80er Jahren zu einem weiteren Bedeutungszuwachs der Linie XX. In der DA 2/85 bestätigte Minister Mielke dementsprechend die Federführung der Hauptabteilung XX bei der Bekämpfung der PUT.
Im Verlauf der fast 40-jährigen Entwicklung der Hauptabteilung XX veränderte sich ihre Struktur mehrfach. In der Endphase verfügte sie über neun operative Abteilungen und vier Funktionalorgane der Leitung (Sekretariat, Arbeitsgruppe der Leitung, Koordinierungsgruppe des Leiters, Auswertungs- und Kontrollgruppe).
Die Hauptabteilung V lag ab 1953 zunächst im unmittelbaren Anleitungsbereich von Mielke in seiner Eigenschaft als 1. Stellvertreter des Staatssicherheitschefs. Ab 1955 war der stellvertretende Minister Bruno Beater und 1964–1974 der stellv. Minister Fritz Schröder auf der Ebene der MfS-Leitung für die Hauptabteilung XX zuständig. Beide waren zuvor selbst (Beater 1953–1955, Schröder 1955–1963) Leiter der Hauptabteilung V. Seit 1975 gehörte die Hauptabteilung XX zum Verantwortungsbereich von Mielkes Stellvertreter Rudi Mittig. Von 1964 bis zur Auflösung des MfS leitete Kienberg die Hauptabteilung XX. Ihm standen seit 1965 zwei Stellvertreter zur Seite.
1954 waren in der Hauptabteilung V insgesamt 139 Mitarbeiter beschäftigt. Im Herbst 1989 verfügte die Hauptabteilung XX über 461 Mitarbeiter, von denen mehr als 200 als IM-führende Mitarbeiter eingesetzt waren.
In den 15 Bezirksverwaltungen waren auf der Linie XX im Oktober 1989 insgesamt knapp 1.000 Kader und damit auf der gesamten Linie XX fast 1.500 hauptamtliche Mitarbeiter im Einsatz. Gleichzeitig konnte allein die Hauptabteilung XX mit etwas mehr als 1.500 IM auf einen überdurchschnittlich hohen Bestand an inoffiziellen Kräften zurückgreifen. Ihrem Aufgabenprofil entsprechend spiegelt sich nicht zuletzt in der Entwicklung der Hauptabteilung XX auch die Geschichte von Opposition, Widerstand und politischer Dissidenz in der DDR. Im Herbst 1989 wurden von der Diensteinheit 31 Operative Vorgänge (10 Prozent aller Operativen Vorgänge im Berliner Ministeriumsbereich) und 59 Operative Personenkontrollen (8,7 Prozent) bearbeitet.
Die Allgemeine Personenablage (AP) ist Teil der Operativen Hauptablage. Sie umfasst nichtregistriertes Material über Personen (z. B. aus Sicherungsvorgängen, Sicherheitsüberprüfungen und Zentralen Materialablagen der operativen Diensteinheiten) und ist personenbezogen nutzbar über die F 16. Die Gesamtzahl beträgt in der Abteilung XII des MfS 255.016 Signaturen. Nur dort wurden durch die Abteilung X personenbezogene Informationen anderer Ostblock-Geheimpolizeien abgelegt, gekennzeichnet durch ein "X".
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Fluchtpunkt Olympia
Klaus Tuchscherer wurde am 14. Januar 1955 in der Kleinstadt Rodewisch im sächsischen Vogtland geboren. Sein Vater brachte ihm früh das Skifahren bei. Im Alter von dreizehn Jahren wechselte er in die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Klingenthal.
Sie war eine von zuletzt 25 Einrichtungen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), in denen sportlich talentierter Nachwuchs auf eine Karriere im Leistungssport vorbereitet wurde. Unterricht und Training waren hier so aufeinander abgestimmt, dass die gewünschten Leistungen erzielt werden konnten. Die Unterbringung im Internat sollte eine intensive medizinische Betreuung, eine leistungsfördernde Ernährung und die „richtige“ politisch Erziehung der Schüler sichern.
Aufgrund seiner guten sportlichen Entwicklung wurde Tuchscherer bald in die Nachwuchsmannschaft der Nordischen Kombinierer der DDR aufgenommen. Ab 1971 durfte er auch im „nichtsozialistischen Ausland“ für die DDR an den Start gehen, also in Ländern wie etwa Frankreich oder Schweden.
1973 wurde er Mitglied im "Sportclub Dynamo Klingenthal". Dieser deckte innerhalb der "Sportvereinigung Dynamo", der gemeinsamen Sportorganisation von Staatssicherheit, Ministerium des Innern und Zollverwaltung der DDR, die Disziplinen Skisprung, Skilanglauf und Nordische Kombination ab. Sportstätten, wie die 1959 eingeweihte Aschbergschanze, sollten durch optimale Trainingsbedingungen spätere Erfolge der hier stationierten Athleten ermöglichen.
Im selben Jahr gelang Klaus Tuchscherer der Sprung in die DDR-Auswahl. Auch wenn Mitarbeiter der Staatssicherheit noch Defizite in der persönlichen Entwicklung des Sportlers ausmachten, schien er sportlich eine erfolgreiche Laufbahn einzuschlagen. Die verantwortlichen Funktionäre bescheinigten in Dokumenten, dass Tuchscherer sich im Sinne der sozialistischen Gesellschaft entwickeln würde. Doch der 21-Jährige Klaus Tuchscherer entschied sich anders.
Einleitung
Teilnahme an den XII. Olympischen Winterspielen in Innsbruck
Konzeption für die operative Sicherung der DDR-Delegation zu den XII. Olympischen Winterspielen in Innsbruck
Egänzung zum Auskunftsbericht über Klaus Tuchscherer
Olympische Identitätskarte von Klaus Tuchscherer
Verlassen des Mannschaftsquartiers
Information über das Verlassen der DDR-Olympiamannschaft durch Klaus Tuchscherer
Maßnahmeplan zu Klaus Tuchscherer
Bitte um Einleitung von Postkontrolle im Kreis Judenburg und dem Ort Zeltweg (Österreich)
Bericht des IM "Falun" über Klaus Tuchscherer
Information über Diskussionen der Bevölkerung zum Verhalten des Sportlers Tuchscherer
Befristete Rückkehr in die DDR
Konzeption von Maßnahmen für die Rückkehr von Klaus Tuchscherer in die DDR
Interflug-Maschine auf dem Rollfeld des Flughafens Berlin-Schönefeld
Vorschlag zur Übersiedlung von Klaus Tuchscherer nach Österreich
Information über eine Aussprache mit Klaus Tuchscherer
Neustart
Bericht des IM "Wolfgang" über die Nationalmannschaft Spezialsprunglauf
Information über Hinweise zu Klaus Tuchscherers Leben in Österreich
Abgefangener Brief von Klaus Tuchscherer