Ein politisches Risiko

Mit dem Todesschuss auf Benno Ohnesorg brach die Verbindung zwischen dem MfS und seinem GM "Otto Bohl" ab. Kurras war für  die Staatssicherheit nun zu einer Belastung geworden. In der SED-Presse war er bereits als "Mörder" vorverurteilt und notorisch in Ost wie West. Als Inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes war er mehr als ein politisches Risiko. Ein Bekanntwerden der Zusammenarbeit mit dem Todesschützen von Benno Ohnesorg wäre ein Skandal gewesen. "Aus Gründen der Sicherheit des GM und im Interesse der Einhaltung der Wachsamkeit und Konspiration wird zur Zeit keine Verbindung zum GM aufgenommen", hielt Führungsoffizier Eiserbeck deshalb in einer "Ergänzung" zu seinem "Auskunftsbericht" vom 8. Juni 1967 fest.

Im November 1967 wurde bei der Arbeitsgruppe "Sicherung des Reiseverkehrs" eine ständige Einreisesperre gegen Karl-Heinz Kurras verhängt. Eine Kopie des entsprechenden Dokuments findet sich in Kurras' Akte. Fortan sollte er weder in die DDR einreisen, noch auf dem Landweg im Transit von Westberlin in die Bundesrepublik reisen dürfen. Die interne Begründung hierfür lautete: "K. ist der Mörder des westdeutschen Studenten Benno Ohnesorg."

Das Dokument verweist zudem auf eine absolute Spurenverwischung zum Fall Kurras innerhalb des MfS. Denn routinemäßig hatte die AG "Sicherung des Reiseverkehrs" in der Abteilung XII, der Archivabteilung des MfS, parallel überprüfen lassen, ob Kurras dort registriert war. War eine Person bei der Abteilung XII registriert, war sie der Stasi auf irgendeine Weise schon mal aufgefallen. Das hätte bei Kurras offenkundig der Fall sein müssen, als langjähriger GM und mit vielen Einreisen vor dem Mauerbau.

Doch das Dokument mit dem Ergebnis der Überprüfung besagt " nicht erfaßt". Spätestens seit dem November 1967 hatte das MfS intern  damit die Dokumentation der vormaligen Zusammenarbeit mit Kurras komplett aus dem Verkehr gezogen. Der vielbändige IM-Vorgang war in die "Geheime Ablage" eingeordnet worden. Diese dort verwahrten Akten waren nur wenigen hochrangigen MfS-Offizieren zugänglich. Im Mai 1986 dann wies der Stellvertretende Minister Generalleutnant Neiber an, die interne Verschleierung der Stasi-Tätigkeit von Kurras aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig wurde sein Name in Verbindung mit einem Sicherungsvorgang namens "Vorstoß" wieder in das Karteisystems des MfS eingespeist. Kurras wurde zum Ende des Jahre 1987 mit 60 Jahren pensioniert. Nach wie vor gab es innerhalb des MfS strikte Sonderregelungen für die Beauskunftung von Anfragen zu Kurras, die unter dem Code "Rose" genau geregelt waren. Nach wie vor habe er als "nicht erfaßt" zu gelten und nur wenige hatten Zugang zu den Unterlagen. So blieb das Geheimnis gewahrt - bis zu seiner Enttarnung im Jahr 2009. Kurras starb im Dezember 2014.

Nach dem "dramatischen" Abbruch der Verbindung zu "Otto Bohl" im Juni 1967 ist nur eine einzige weitere Begegnung zwischen dem MfS und Karl-Heinz Kurras in den Akten dokumentiert. Am 24. März 1976 besuchte dieser in Begleitung seiner Ehefrau Ost-Berlin, offenkundig ohne dass die Einreisesperre von 1967 wirksam war. Werner Eiserbeck, der über die Einreise informiert worden sein musste, passte Kurras in der Gaststätte im "Haus des Lehrers" am Alexanderplatz ab. Nach einem Blickkontakt  zwischen beiden kam es zu einem kurzen Gespräch auf der Gäste-Toilette. Kurras bekundetet seinen Wunsch, wieder mit dem MfS zusammen zu arbeiten, wie es Eiserbecks genauem Bericht nach der Begegnung zu entnehmen ist. Darin protokollierte er, "daß er [Kurras] seine Meinung zum MfS nicht geändert hat." Eiserbeck blieb unverbindlich. Zwar würden weitere Einreisen nach Ost-Berlin und den Rest der DDR für Kurras künftig "ohne Komplikationen" verlaufen. Doch das "MfS wird sich vorbehalten, ob und wann ein erneutes Ansprechen erfolgt."

Zwar empfiehlt Eiserbeck im Bericht, die Verbindung schrittweise wieder aufzubauen. Dass Kurras aber tatsächlich jemals reaktiviert worden wäre, geht aus der Akte jedoch nicht hervor. Nur ein "Beobachtungsbericht" dokumentiert, dass Kurras 1984 noch einmal nach Ost-Berlin reiste. Die Stasi beobachtete ihn dabei, zu einem Kontakt scheint es aber nicht gekommen zu sein.

Bei seinem wahrscheinlich letzten Gespräch mit seinem früheren Führungsoffizier Eiserbeck 1976 erklärte Kurras, dass er am 2. Juni 1967 in Notwehr gehandelt habe. "Aus der Art und Weise und seinen Bemerkungen kann geschlossen werden, daß der Kurras von der Richtigkeit seiner Handlungsweise überzeugt ist, kein Mitleid in irgendeiner Form hat", schreibt Eiserbeck. "Der Kurras sagte sinngemäß, daß er sich nichts vorzuwerfen habe und nichts bereut."