Informant aus Überzeugung?

Karl-Heinz Kurras sorgte dafür, dass das MfS in den langen Jahren der Zusammenarbeit ausreichend Nahrung fand, ihn als Überzeugungstäter im Sinne des Sozialismus wahrzunehmen. Seiner Verbindungsfrau "Lotte Schwarz" erzählte er beispielsweise immer wieder, wie sehr er die konservativere Weltanschauung seiner Kollegen bei der West-Berliner Polizei verachte.

Deutlicher Ausdruck einer echten oder vielleicht auch gespielten Überzeugung war Kurras Wunsch im Dezember 1962 Mitglied der SED zu werden. Das war für westdeutsche Informanten weder üblich noch notwendig und sorgte eher für Arbeit. Doch Kurras blieb hartnäckig, und wurde, auch dank der Fürsprache der Geheimpolizei und von "Lotte Schwarz", nach einer Kandidatenzeit im Jahr 1964 Parteimitglied.

Gegenüber "Lotte Schwarz" und seinem Führungsoffizier Eiserbeck äußerte sich Kurras kurz nach seiner Versetzung zur politischen Polizei besorgt, dass er als deren Mitarbeiter auch Kommunisten verhaften müsse. Dies schien Kurras Gewissensbisse zu bereiten, doch "Lotte Schwarz" beruhigte ihn, Im Bericht heißt es, sie habe ihm bedeutet, er solle "seine Arbeit ordnungsgemäß durchführen, auch wenn Festnahmen notwendig sind, und erinnerte an Dr. Sorge, der auch gegen seine Einstellung Arbeiten durchführen mußte, um wichtige Informationen zu erhalten". Richard Sorge war im Zweiten Weltkrieg sowjetischer Spion in der deutschen Botschaft in Tokio gewesen und dafür in Japan hingerichtet worden. 1964 zum Helden der Sowjetunion ernannt, wurde Sorge nicht nur in der DDR zu einem Prototyp des heldenhaften Spions verklärt.

Im November 1965 wurde er dann tatsächlich von der Abteilung I mit der Festnahme des Kriminalmeisters Hans Weiß beauftragt. Weiß war vor dem Krieg Mitglied der KPD gewesen und nun in den Verdacht geraten, für das MfS zu arbeiten. Wohl um den alten Kommunisten zu warnen, erzählte Kurras seiner Kurierin "Lotte Schwarz" von der anstehenden Verhaftung, in der Hoffnung, die Stasi werde etwas unternehmen. Vergebens. Weiß war für das MfS verzichtbar geworden. Die Verhaftung selbst nahm Kurras dann professionell vor, und verhörte ihn ganz im Sinne der Abteilung I. Am Ende wurde Weiß verurteilt. Dem MfS gegenüber behauptete Kurras, die Ehefrau habe im Verhör gestanden, dass sie und ihr Mann unter den Decknamen "Irmchen" und "Heinrich Schwarz" tatsächlich für das MfS gearbeitet hätten.

Für den Erfolg wurde Kurras zum Kriminalobermeister befördert und mit einer Ausbildung bei der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts (BKA) in Bonn belohnt. Insofern waren auch seine Auftraggeber in Ost-Berlin zufrieden. Jedoch hatte "Lotte Schwarz" ebenfalls als Kurierin  des Ehepaares Weiß fungiert. Durch deren Vernehmungen verfügte die West-Berliner Polizei nun über eine genaue Personenbeschreibung von ihr, so dass sie nicht länger die Verbindung zu Kurras aufrechterhalten konnte. Damit, so bedeutete er seinem Führungsoffizier, vermisse er nun seine mütterliche Freundin und ideologische Stütze. Besonders, dass die Ehefrau von Weiß gestanden habe, veranlasste ihn laut MfS-Bericht zu folgender Aussage: "Gebt mir den Auftrag, die würde ich umbringen, so eine Verräterin".