Ein Füllhorn an Informationen

Für das MfS öffnete sich mit Kurras Versetzung in die Abteilung I ein Füllhorn an Informationen erster Güte. Kurras lieferte detaillierte Erkenntnisse über Mitarbeiter der Abteilung, ihre Ausbildung und Arbeitsweise. Er berichtete zu Überläufern, Entführungsfällen, allen relevanten internen Ermittlungen sowie dem Verhältnis zwischen Kriminalpolizei und Verfassungsschutz.

Um den Fluss an brisantem Material nach Ost-Berlin aufrecht zu erhalten, erarbeitete die Geheimpolizei eine Reihe von Optionen. Denn seit der Abriegelung der Sektorengrenze und dem Bau der Mauer konnte Kurras als West-Berliner Bürger die Grenze nach Ost-Berlin nicht mehr ohne weiteres überqueren. Deswegen wurde er im Chiffrieren von Nachrichten und im Funkverkehr ausgebildet; zu festen Terminen konnten "Otto Bohl" und sein Führungsoffizier dann direkt miteinander kommunizieren. Zudem wurden Informationen durch Briefe ausgetauscht, die Kurras an Deckadressen in Ost-Berlin sandte. Außerdem stand ein "toter Briefkasten" im S-Bahnhof Friedrichstraße zur Verfügung, der für Westberliner Fahrgäste zugänglich war, ohne in die "Hauptstadt der DDR" einzureisen. Die wichtigste Kontaktschiene war aber der Geheime Hauptinformator (GHI) "Lotte Schwarz". Die alte Kommunistin und treue Parteisoldatin war mit falschen Papieren ausgestattet, so dass sie unauffällig die Sektorengrenze überqueren und Kurierpost übermitteln konnte. Zugleich bot sie "Otto Bohl" bei regelmäßigen Treffen ideologischen Halt und leitete ihn politisch an.

Ein besonderer Coup gelang am 22. Juni 1965. Über "Lotte Schwarz" übermittelte Kurras geheime Dokumente zur nächtlichen Vervielfältigung in den Osten, darunter zwei Memoranden von zusammen 90 Seiten. Darin waren die Erkenntnisse zusammengefasst, die den westdeutschen Sicherheitsbehörden über das MfS, seine Geschichte, seine Arbeitsweise und sein Spitzenpersonal vorlagen. Auf einen Schlag wusste die Stasi damit genau, was ihr Gegner über sie in Erfahrung gebracht hatte – oder eben auch nicht.

Diese und weitere Lieferungen steigerten Kurras' Wert für das MfS. Die Stasi bemühte sich daher kontinuierlich, ihren Spitzel gewogen zu halten. So zahlte sie ihm regelmäßig Aufwandsentschädigungen, im Jahre 1966 beispielsweise 400 DM monatlich – fast die Hälfte seines Gehalts als Polizist. Mit Hilfe der Staatssicherheit kam der "Waffennarr" Kurras sogar in den Besitz der polnischen Pistole "Radom" Kaliber 9 Millimeter. Unter Sportschützen im Westen war diese wegen ihrer Präzision begehrt, praktisch aber nicht erhältlich. Eine Prämie des MfS investierte er im Jahre 1965 in eine Walther P 38.