Projekt Übersiedlung

Im Mai 1978 wurde Inge Viett, Mitglied der linksterroristischen Bewegung 2. Juni, an einem Grenzübergang von West-Berlin nach Ost-Berlin angehalten. Vermutlich war sie an der kurz zuvor erfolgten Befreiung ihres Gesinnungsgenossen Till Meyer aus der Haftanstalt Berlin-Moabit beteiligt gewesen. Jedenfalls reiste sie in seiner Begleitung. Der Leiter der Abteilung XXII des MfS ("Terrorabwehr"), Harry Dahl, wurde zum Gespräch an der Grenze hinzugerufen. Viett und Dahl vereinbarten dabei freies Geleit für die Linksterroristen nach Anschlägen in der Bundesrepublik bzw. West-Berlin.

Als Inge Viett zwei Jahre später, nach Auflösung der Bewegung 2. Juni, Mitglied der RAF wurde, brachte sie ihre guten Kontakte zur Staatssicherheit mit ein. So wurde diese zum Gesprächspartner, als die Gruppe nach einem Aufnahmeland für acht Mitglieder suchte, die den "bewaffneten Kampf" beenden und aussteigen wollten. Das MfS machte der RAF dann das überraschende Angebot, diese in die DDR aufzunehmen. Die Stasi verbarg die im Westen dringend gesuchten Ex-Terroristen tatsächlich aktiv vor der bundesdeutschen Fahndung und ermöglichte ihnen mit Hilfe neuer Identitäten ein Leben ohne polizeilichen Verfolgungsdruck in der DDR. Die "Neubürger" mit frischem Namen und neuen Lebensläufen wurden in "operativen Personenkontrollen" (OPK) "bearbeitet", also beobachtet und kontrolliert, sowie später auch als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) angeworben. Henning Beer sollte 1982 und Inge Viett 1983 folgen, sodass insgesamt 10 ausgestiegene RAF-Terroristen in der DDR untertauchen konnten.

Die Dokumente zu Silke Maier-Witt, Monika Helbing und Susanne Albrecht zeigen die Details ihrer "Legenden", der frei erfundenen Versionen ihrer Lebensläufe. Die ausgestiegenen Terroristen sollten sich eine Biografie ausdenken, die keine Rückschlüsse auf ihre eigentliche Identität zuließ. Zur Legende gehörte dann meist, dass die Eltern verstorben waren und sie häufig den Wohnort gewechselt hätten. Auf diese Weise wäre es nur schwer möglich gewesen, ihre Angaben zu überprüfen, falls sie im Westen bekannt werden sollten.

Der Legende zufolge stammten sie aber dennoch auch aus dem Westen, weil alles andere für die neuen Kollegen und Nachbarn in der DDR kaum überzeugend gewirkt hätte. Als Grund für den Wechsel in die DDR wurden politische und persönliche Motive angeführt. Um sicher zu stellen, dass die Legenden "funktionierten" und niemand Verdacht schöpfte, wurden die Ex-Terroristen auf vielfältige Art und Weise überwacht: Durch IM in ihrem Umfeld, aber auch durch die Volkspolizisten im Wohngebiet oder Vorgesetzte, die im Rahmen der offiziellen Zusammenarbeit von staatlichen Stellen mit der Staatssicherheit Informationen über sie lieferten, ohne zu wissen, um wen es sich in Wirklichkeit handelte.