Beobachtung und Aufklärung

Die Staatssicherheit beobachtete den Linksterrorismus in der Bundesrepublik mit Akribie. Sie sammelte Informationen über die Täter, verfolgte deren Aktivitäten und rezipierte auch die öffentliche Wahrnehmung des Linksterrorismus in der Bundesrepublik. Sie gehorchte damit eigenen Sicherheitsinteressen – und wollte insbesondere ausschließen, dass die RAF auch gegen die DDR oder deren Botschaften und Repräsentanten im Ausland aktiv werden könnte. Dazu verglich sie z.B. Anschläge der RAF mit dem Vorgehen anderer linksterroristischer Organisationen, um den Modus Operandi der Täter in Erfahrung zu bringen.

Auch wurde befürchtet, dass die politisch motivierte Gewalt im Westen in irgendeiner Weise, verzögert oder verzerrt, auf die DDR "überschwappen" könnte. Daher beobachtete die Staatssicherheit auch die persönlichen Verbindungen der Linksterroristen sowie ihrer Rechtsanwälte in die DDR.

Ihre recht genauen Kenntnisse über das Vorgehen der Terroristen erhielt die Staatssicherheit auf verschiedenen Wegen. So nutzte sie ihre geheimen Kontakte zu verschiedenen palästinensischen Gruppen, die mit der RAF kooperierten, um an aktuelle Informationen zu gelangen. Sie verschaffte sich aber auch Zugang zu den Ermittlungsergebnissen der bundesdeutschen Behörden. Mit Hilfe der "Funkaufklärung", also dem Abfangen von Telefonaten, Telexen oder auch dem Eindringen in Datenbanksysteme, erhielt sie viele interne Informationen. Quellen konnten zudem auch inoffizielle Mitarbeiter (IM) sein, die an verschiedenen Stellen von Politik und Gesellschaft in der Bundesrepublik saßen. Nicht zuletzt wertete die Staatssicherheit westliche Zeitungen sowie Fernseh- und Radioberichte aus.

Die Staatssicherheit zeichnete beispielsweise die Etappen der Entführung des West-Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz im Februar 1975 auf einer Karte detailliert nach. Der Bewegung 2. Juni gelang es durch dieses Kidnapping sechs ihrer Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis frei zu pressen. Lorenz wurde daraufhin unverletzt freigelassen. Mit der durch ein RAF-Kommando durchgeführten Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im September 1977 sollten elf RAF-Gefangene freigepresst werden. Doch die Bundesregierung wollte nicht noch einmal auf eine Erpressung eingehen und spielte auf Zeit. Daraufhin entführte ein palästinensisches Kommando in der gleichen Absicht die Lufthansa-Maschine "Landshut". Doch die Terroristen wurden in Mogadischu durch die Polizeisondereinheit GSG 9 überwältigt bzw. in einem Feuergefecht getötet; alle Passagiere wurden befreit. Daraufhin begingen drei der inhaftierten RAF-Terroristen im Gefängnis Stuttgart-Stammheim Selbstmord und die RAF-Mitglieder im Untergrund ermordeten den entführten Hanns Martin Schleyer. Die Stasi verfasste zu diesen Vorgängen eine Zeitleiste und verglich sie mit der Entführung des italienischen Spitzenpolitikers Aldo Moro ein Jahr später. Erst 1981 eröffnete die Staatssicherheit auch formal einen eigenen "operativen Vorgang" zur RAF unter dem Titel "Stern I".