Signatur: BArch, MfS, ZAIG, Nr. 4089, Bl. 9-14
Die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 war begleitet von Terrordrohungen. Die Stasi behielt die Lage genau im Auge – auch um schnell auf eine mögliche Bedrohung der DDR-Mannschaft reagieren zu können.
Schon vor dem Anpfiff des ersten Spiels ging es bei der Weltmeisterschaft um mehr als sportlichen Wettkampf. Weltpolitisch war die Entspannung zwischen den Blöcken in Turbulenzen geraten: In Chile hatte sich das Militär an die Macht geputscht und den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt. Die USA hatten den Putsch zumindest geduldet, die Sowjetunion protestierte scharf. Und auch das Verhältnis der beiden deutschen Staaten war belastet. Im April 1974 war Günter Guillaume enttarnt worden, ein Agent der Staatssicherheit im Umfeld von Bundeskanzler Willy Brandt.
Bei der WM kam es entsprechend zu politisch aufgeladenen Begegnungen. Die Auslosung der Vorrundengruppen hatte ausgerechnet Spiele der Mannschaft der DDR gegen Chile und, besonders pikant, die Bundesrepublik ergeben.
Gleichzeitig überschattete die Angst vor terroristischen Anschlägen die Weltmeisterschaft. Das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München lag gerade einmal zwei Jahre zurück - und pünktlich zur Weltmeisterschaft erreichten die westdeutschen Sicherheitsbehörden neue Terrorwarnungen. So erhielt die Münchner Polizei eine Morddrohung der IRA gegen zwei protestantische Spieler der schottischen Mannschaft und ein angeblich von der RAF stammender Kettenbrief drohte mit einem Raketenanschlag auf das Hamburger Volksparkstadion – am Tage des Spiels zwischen der DDR und der Bundesrepublik dort.
Der Stasi kam in dieser Lage die Aufgabe zu, die Teilnahme der DDR an der Weltmeisterschaft "abzusichern". Sie sammelte dazu alle Informationen zu möglichen terroristischen Bedrohungen. Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) fasste die Erkenntnisse regelmäßig zusammen und gab sie an die Parteiführung weiter.
Überwachung der Quartiere der einzelnen Mannschaften. Dabei bleibe es jeder Mannschaftsführung überlassen, wie sie den Zutritt zu ihrem Quartier regele.
Die 38 Spiele sollen unter intensivstem Polizeischutz stattfinden, der wie folgt vorgesehen ist:
Der Polizeisonderausschuß "Weltmeisterschaftssicherheit" koordiniert unter Vorsitz des Münchner Polizeidirektors Haimerl den Einsatz in den einzelnen Bundes-Ländern und sammelt die Erkenntnisse, die BND und Verfassungsschutz liefern. Der Ausschuß "trainiert" bereits seit Wochen regelmäßig. Dabei wurden auch die Erfahrungen der Weltmeisterschaft in Mexiko und Analysen aller Fußballkatastrophen der letzten Zeit ausgewertet.
Die Bundes-Länder haben eigene Führungsstäbe gebildet. Diese Zentralen dirigieren auch zustäzliche Einsatzhundertschaften der Bereitschaftspolizei und Spezialeinheiten (Observations-, Fahndungs- und Anti-Terror-Kommandos).
Für die Schutzmaßnahmen ist die Polizei an den Spielorten zuständig. (Im Durchschnitt werden für jedes Spiel mindestens 600 Polizisten aufgeboten.)
Wie dazu weiter mitgeteilt wird, sei bei der Fußball-Weltmeisterschaft "aus psychologischen Gründen im Gegensatz zu den Olympischen Spielen 1972 eine deutlich sichtbare Präsens der Sicherheitskräfte in Stadien und Trainingsstätten geplant".
Laut DPA-Meldung sieht beispielsweise das Sicherungskonzept der hessischen Polizei für die fünf in Frankfurt/Main stattfindenden Weltmeisterschafts-Spiele vor, daß bei allen Spielen jeweils mehrere Doppelstreifen im Stadion patroullieren. Diese Kräfte seien aber nur der kleinste Teil eines über tausendköpfigen Polizeiaufgebots. Eine Befehlsstelle im Station leite auch Zivil-
Nach dem Volksaufstand von 1953 wurden leicht bewaffnete Einheiten der Volkspolizei aufgestellt, die zur Niederschlagung innerer Unruhen dienen sollten und deswegen kaserniert untergebracht und motorisiert waren. Im Mai 1955 wurden sie der Verwaltung Innere Truppen im Staatssekretariat für Staatssicherheit zugeordnet, aus "kosmetischen" Gründen im Mai 1956 in Bereitschaftspolizei umbenannt. Von August 1956 bis März 1957 unterstand sie wie die Deutsche Grenzpolizei und die Transportpolizei der Hauptverwaltung Innere Sicherheit des MfS. Mit dieser wurden sie im Februar 1957 dem MdI unterstellt. Nach Auflösung der Hauptverwaltung Innere Sicherheit im Monat darauf blieben sie kasernierte Eingreifreserve des MdI. Ihr Mannschaftsbestand wurde ab 1962 aus Wehrpflichtigen rekrutiert.
Die geheimpolizeiliche Überwachung dieser Verbände oblag zunächst der Abteilung VII der Verwaltung Groß-Berlin, ab Jahresende 1955 der neu gebildeten Abteilung 10 der Hauptabteilung I. Diese wurde nach dem Mauerbau als Abteilung 7 in die Hauptabteilung VII eingegliedert. Ihre 77 Mitarbeiter sicherten unmittelbar die beiden Berliner Grenzbrigaden der Bereitschaftspolizei sowie die 3. und 4. Brigade (mit Aufgaben der Reserve). Die übrigen Brigaden in den Bezirken fielen in die Verantwortung sog. Abwehroffiziere der jeweiligen Abteilungen VII der Bezirksverwaltungen. Diese arbeiteten vor Ort und trugen die Uniformen der Bereitschaftspolizisten. Sie sollten über Vorkommnisse und Missstimmungen im Bilde sein sowie potenzielle Deserteure identifizieren. Wenn Bereitschaftspolizisten tatsächlich flüchteten, klärten die Abwehroffiziere die Hintergründe, während die Abteilung 6 der Hauptabteilung IX strafrechtlich ermittelte, wie bei anderen Angehörigen der bewaffneten Organe auch.
Im Jahre 1964 wurde die Zuständigkeit für die Bereitschaftspolizei bei der Abteilung 7 der Hauptabteilung VII zentralisiert und ihr die Planstellen der Abwehroffiziere aus den Bezirken übertragen. Im Oktober 1970 wurde dies indes wieder rückgängig gemacht. Die Hauptabteilung Bereitschaften im Ministerium des Innern verfügte zuletzt über 32 Mitarbeiter, darunter 7 IM und GMS (21,8 Prozent). Die Leitungskader pflegten außerdem offizielle Arbeitskontakte zur Staatssicherheit im Rahmen des politischoperativen Zusammenwirkens.
Die Bereitschaftspolizei sollte im Kriegsfall militärische Aufgaben übernehmen und beispielsweise gegnerische Einheiten auf dem Territorium der DDR "zerschlagen". In Friedenszeiten musste sie oft andere Zweige der Volkspolizei verstärken, etwa bei der Sicherung von Großveranstaltungen, der Suche nach entwichenen Häftlingen oder dem Einbringen der Ernte. Zur Disziplin trug dies wohl nicht bei. Unter den zuletzt rund 14.000 Bereitschaftspolizisten wurden jährlich mehr als 700 disziplinarisch bestraft, meist wegen Trunkenheit oder unerlaubten Entfernens. Etwa wegen Westkontakten führte zudem die Staatssicherheit jährlich rund 5 OV und 85 OPK gegen Bereitschaftspolizisten durch. Diese gingen im Oktober 1989 teilweise brutal gegen friedliche Demonstranten vor, wobei mindestens 64 Bereitschaftspolizisten den Befehl zu diesem Einsatz verweigerten.
Die ZAIG war das "Funktionalorgan" des Ministers für Staatssicherheit, die Schaltstelle im MfS, in der nahezu alle komplexen Stabsfunktionen konzentriert waren: die zentrale Auswertung und Information, einschließlich der Berichterstattung an die politische Führung, die Optimierung der entsprechenden Verfahren und Strukturen im Gesamtapparat des MfS, die zentralen Kontrollen und Untersuchungen und die Analyse der operativen Effektivität des MfS, die zentrale Planung und die Erarbeitung dienstlicher Bestimmungen, zudem die übergeordneten Funktionen im Bereich EDV sowie die Gewährleistung des internationalen Datenaustauschsystems der kommunistischen Staatssicherheitsdienste (SOUD). Nach der Eingliederung der Abteilung Agitation 1985 waren auch die Öffentlichkeitsarbeit und die Traditionspflege des MfS in der ZAIG als "Bereich 6" funktional verankert. Die ZAIG war im direkten Anleitungsbereich des Ministers angesiedelt; ihr waren zuletzt die formal selbständigen Abt. XII, XIII (Rechenzentrum) und die Rechtsstelle fachlich unterstellt.
Die ZAIG geht auf die nach dem Juniaufstand 1953 gegründete und von Heinz Tilch geleitete Informationsgruppe (IG) der Staatssicherheitszentrale zurück, die erstmals eine regelmäßige Lage- und Stimmungsberichterstattung für die Partei- und Staatsführung hervorbrachte. Diese entwickelte sich 1955/56 zur Abteilung Information mit drei Fachreferaten, wurde aber 1957 als Resultat des Konfliktes zwischen Ulbricht und Wollweber wieder stark reduziert. 1957 erhielt die Abteilung mit Irmler einen neuen Leiter, der jedoch bereits 1959 vom ehemaligen stellv. Leiter der HV A Korb abgelöst und zum Stellvertreter zurückgestuft wurde. Gleichzeitig wurde die Diensteinheit in Zentrale Informationsgruppe (ZIG) umbenannt; von da an lief auch die bisher eigenständige Berichterstattung der HV A über sie. 1960 wurde die Berichterstattung an die politische Führung durch einen Ministerbefehl präzise geregelt, und die ZIG erhielt mit der Neueinrichtung von Informationsgruppen in den BV und operativen HA einen soliden Unterbau.
1965 wurde die ZIG in ZAIG umbenannt und ein einheitliches Auswertungs- und Informationssystem eingeführt, das die Recherche und Selektion von Daten sowie die Organisierung von Informationsflüssen gewährleistete. In den operativen HA und BV erhielt die ZAIG mit den AIG entsprechende "Filialen". Im gleichen Jahr ging Korb in den Ruhestand, Irmler wurde wieder Leiter der Diensteinheit.
1968 wurde auch das Kontrollwesen der Staatssicherheit in die ZAIG eingegliedert, das im Dezember 1953 mit der Kontrollinspektion seinen ersten organisatorischen Rahmen erhalten hatte und 1957 mit der Umbenennung in AG Anleitung und Kontrolle erheblich qualifiziert worden war.
1969 erhielt die ZAIG auch die Verantwortung für den Einsatz der EDV. Das im Aufbau begriffene Rechenzentrum (Abt. XIII) wurde ihr unterstellt. In der ersten Hälfte der 70er Jahre bildeten sich vier Arbeitsbereiche der ZAIG heraus. Bereich 1: konkrete Auswertungs- und Informationstätigkeit und Berichterstattung an die politische Führung; Bereich 2: Kontrollwesen, die Erarbeitung von dienstlichen Bestimmungen sowie Prognose- und Planungsaufgaben; Bereich 3: Fragen der EDV; Bereich 4: Pflege und Weiterentwicklung der "manuellen" Bestandteile des Auswertungs- und Informationssystems. 1979 erhielt dieser Bereich auch die Verantwortung für das SOUD ("ZAIG/5").
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Signatur: BArch, MfS, ZAIG, Nr. 4089, Bl. 9-14
Die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 war begleitet von Terrordrohungen. Die Stasi behielt die Lage genau im Auge – auch um schnell auf eine mögliche Bedrohung der DDR-Mannschaft reagieren zu können.
Schon vor dem Anpfiff des ersten Spiels ging es bei der Weltmeisterschaft um mehr als sportlichen Wettkampf. Weltpolitisch war die Entspannung zwischen den Blöcken in Turbulenzen geraten: In Chile hatte sich das Militär an die Macht geputscht und den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt. Die USA hatten den Putsch zumindest geduldet, die Sowjetunion protestierte scharf. Und auch das Verhältnis der beiden deutschen Staaten war belastet. Im April 1974 war Günter Guillaume enttarnt worden, ein Agent der Staatssicherheit im Umfeld von Bundeskanzler Willy Brandt.
Bei der WM kam es entsprechend zu politisch aufgeladenen Begegnungen. Die Auslosung der Vorrundengruppen hatte ausgerechnet Spiele der Mannschaft der DDR gegen Chile und, besonders pikant, die Bundesrepublik ergeben.
Gleichzeitig überschattete die Angst vor terroristischen Anschlägen die Weltmeisterschaft. Das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München lag gerade einmal zwei Jahre zurück - und pünktlich zur Weltmeisterschaft erreichten die westdeutschen Sicherheitsbehörden neue Terrorwarnungen. So erhielt die Münchner Polizei eine Morddrohung der IRA gegen zwei protestantische Spieler der schottischen Mannschaft und ein angeblich von der RAF stammender Kettenbrief drohte mit einem Raketenanschlag auf das Hamburger Volksparkstadion – am Tage des Spiels zwischen der DDR und der Bundesrepublik dort.
Der Stasi kam in dieser Lage die Aufgabe zu, die Teilnahme der DDR an der Weltmeisterschaft "abzusichern". Sie sammelte dazu alle Informationen zu möglichen terroristischen Bedrohungen. Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) fasste die Erkenntnisse regelmäßig zusammen und gab sie an die Parteiführung weiter.
beamte, die auf den Rängen mit Film- und Fotogeräten etwaige Ausschreitungen beweiskräftig festhalten können. Vom Kommandostand aus ist ein Fernsehaufzeichnungsgerät direkt auf die Ehrentribüne gerichtet.
Besondere Aufmerksamkeit soll während der Spiele auch politischen Demonstranten zugewendet werden, die versuchen, verbotene Fahnen zu schwenken oder Transparente mit "strafrechtlich-relevantem" Inhalt zu entrollen. An allen Telefonanschlüssen im Stadion sind Fangschaltungen sowie Tonbandgeräte installiert. Außerdem untersuchen Sprengstoffexperten vor jedem Spiel die gesamten Stadionanlagen.
Reaktionen aus Kreisen der DDR-Bevölkerung zur bevorstehenden Weltmeisterschafts-Endrunde liegen nur vereinzelt vor. Sie beinhalten im wesentlichen Meinungen und teilweise Spekulationen über
lassen jedoch keine umfassende Einschätzung zu.
Zu beachten sind Einzelmeinungen, in denen die Absicht geäußert wird, mittels Rentnerreisen oder Reisen in dringenden Familienangelegenheiten doch noch Augenzeuge der Weltmeisterschaft zu werden. Teilweise ergingen Aufforderungen an westdeutsche Verwandte, eventuelle Familienfeiern in diese Zeit zu verlagern.
Die ZAIG war das "Funktionalorgan" des Ministers für Staatssicherheit, die Schaltstelle im MfS, in der nahezu alle komplexen Stabsfunktionen konzentriert waren: die zentrale Auswertung und Information, einschließlich der Berichterstattung an die politische Führung, die Optimierung der entsprechenden Verfahren und Strukturen im Gesamtapparat des MfS, die zentralen Kontrollen und Untersuchungen und die Analyse der operativen Effektivität des MfS, die zentrale Planung und die Erarbeitung dienstlicher Bestimmungen, zudem die übergeordneten Funktionen im Bereich EDV sowie die Gewährleistung des internationalen Datenaustauschsystems der kommunistischen Staatssicherheitsdienste (SOUD). Nach der Eingliederung der Abteilung Agitation 1985 waren auch die Öffentlichkeitsarbeit und die Traditionspflege des MfS in der ZAIG als "Bereich 6" funktional verankert. Die ZAIG war im direkten Anleitungsbereich des Ministers angesiedelt; ihr waren zuletzt die formal selbständigen Abt. XII, XIII (Rechenzentrum) und die Rechtsstelle fachlich unterstellt.
Die ZAIG geht auf die nach dem Juniaufstand 1953 gegründete und von Heinz Tilch geleitete Informationsgruppe (IG) der Staatssicherheitszentrale zurück, die erstmals eine regelmäßige Lage- und Stimmungsberichterstattung für die Partei- und Staatsführung hervorbrachte. Diese entwickelte sich 1955/56 zur Abteilung Information mit drei Fachreferaten, wurde aber 1957 als Resultat des Konfliktes zwischen Ulbricht und Wollweber wieder stark reduziert. 1957 erhielt die Abteilung mit Irmler einen neuen Leiter, der jedoch bereits 1959 vom ehemaligen stellv. Leiter der HV A Korb abgelöst und zum Stellvertreter zurückgestuft wurde. Gleichzeitig wurde die Diensteinheit in Zentrale Informationsgruppe (ZIG) umbenannt; von da an lief auch die bisher eigenständige Berichterstattung der HV A über sie. 1960 wurde die Berichterstattung an die politische Führung durch einen Ministerbefehl präzise geregelt, und die ZIG erhielt mit der Neueinrichtung von Informationsgruppen in den BV und operativen HA einen soliden Unterbau.
1965 wurde die ZIG in ZAIG umbenannt und ein einheitliches Auswertungs- und Informationssystem eingeführt, das die Recherche und Selektion von Daten sowie die Organisierung von Informationsflüssen gewährleistete. In den operativen HA und BV erhielt die ZAIG mit den AIG entsprechende "Filialen". Im gleichen Jahr ging Korb in den Ruhestand, Irmler wurde wieder Leiter der Diensteinheit.
1968 wurde auch das Kontrollwesen der Staatssicherheit in die ZAIG eingegliedert, das im Dezember 1953 mit der Kontrollinspektion seinen ersten organisatorischen Rahmen erhalten hatte und 1957 mit der Umbenennung in AG Anleitung und Kontrolle erheblich qualifiziert worden war.
1969 erhielt die ZAIG auch die Verantwortung für den Einsatz der EDV. Das im Aufbau begriffene Rechenzentrum (Abt. XIII) wurde ihr unterstellt. In der ersten Hälfte der 70er Jahre bildeten sich vier Arbeitsbereiche der ZAIG heraus. Bereich 1: konkrete Auswertungs- und Informationstätigkeit und Berichterstattung an die politische Führung; Bereich 2: Kontrollwesen, die Erarbeitung von dienstlichen Bestimmungen sowie Prognose- und Planungsaufgaben; Bereich 3: Fragen der EDV; Bereich 4: Pflege und Weiterentwicklung der "manuellen" Bestandteile des Auswertungs- und Informationssystems. 1979 erhielt dieser Bereich auch die Verantwortung für das SOUD ("ZAIG/5").
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Signatur: BArch, MfS, ZAIG, Nr. 4089, Bl. 9-14
Die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 war begleitet von Terrordrohungen. Die Stasi behielt die Lage genau im Auge – auch um schnell auf eine mögliche Bedrohung der DDR-Mannschaft reagieren zu können.
Schon vor dem Anpfiff des ersten Spiels ging es bei der Weltmeisterschaft um mehr als sportlichen Wettkampf. Weltpolitisch war die Entspannung zwischen den Blöcken in Turbulenzen geraten: In Chile hatte sich das Militär an die Macht geputscht und den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende gestürzt. Die USA hatten den Putsch zumindest geduldet, die Sowjetunion protestierte scharf. Und auch das Verhältnis der beiden deutschen Staaten war belastet. Im April 1974 war Günter Guillaume enttarnt worden, ein Agent der Staatssicherheit im Umfeld von Bundeskanzler Willy Brandt.
Bei der WM kam es entsprechend zu politisch aufgeladenen Begegnungen. Die Auslosung der Vorrundengruppen hatte ausgerechnet Spiele der Mannschaft der DDR gegen Chile und, besonders pikant, die Bundesrepublik ergeben.
Gleichzeitig überschattete die Angst vor terroristischen Anschlägen die Weltmeisterschaft. Das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München lag gerade einmal zwei Jahre zurück - und pünktlich zur Weltmeisterschaft erreichten die westdeutschen Sicherheitsbehörden neue Terrorwarnungen. So erhielt die Münchner Polizei eine Morddrohung der IRA gegen zwei protestantische Spieler der schottischen Mannschaft und ein angeblich von der RAF stammender Kettenbrief drohte mit einem Raketenanschlag auf das Hamburger Volksparkstadion – am Tage des Spiels zwischen der DDR und der Bundesrepublik dort.
Der Stasi kam in dieser Lage die Aufgabe zu, die Teilnahme der DDR an der Weltmeisterschaft "abzusichern". Sie sammelte dazu alle Informationen zu möglichen terroristischen Bedrohungen. Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) fasste die Erkenntnisse regelmäßig zusammen und gab sie an die Parteiführung weiter.
Insbesondere aus dem Bezirk Erfurt wurden vereinzelte Stimmen bekannt, wonach gegen die Mannschaft der DDR anläßlich des Spiels gegen die BRD in Hamburg ein Attentat verübt werden soll. Ausgangspunkt sind vermutlich die bereits erwähnten Andeutungen in westdeutschen Zeitungen bzw. in westlichen Sendern oder von westdeutschen Besuchern über mögliche terroristische Aktivitäten im Verlaufe der Fußballweltmeisterschaft.
Hinweise auf von Bürgern der DDR in dieser Richtung ausgehende Aktivitäten liegen nicht vor.
In Anbetracht der vorgenannten Probleme erscheint es zweckmäßig, den Personenkreis, der für den Besuch der Endrundenspiele in der BRD bzw. in Westberlin vorgesehen ist, zumindest über wesentliche Momente möglicher Provokationen und Ausschreitungen und der zu erwartenden Situation in geeigneter Form zu informieren.
Die ZAIG war das "Funktionalorgan" des Ministers für Staatssicherheit, die Schaltstelle im MfS, in der nahezu alle komplexen Stabsfunktionen konzentriert waren: die zentrale Auswertung und Information, einschließlich der Berichterstattung an die politische Führung, die Optimierung der entsprechenden Verfahren und Strukturen im Gesamtapparat des MfS, die zentralen Kontrollen und Untersuchungen und die Analyse der operativen Effektivität des MfS, die zentrale Planung und die Erarbeitung dienstlicher Bestimmungen, zudem die übergeordneten Funktionen im Bereich EDV sowie die Gewährleistung des internationalen Datenaustauschsystems der kommunistischen Staatssicherheitsdienste (SOUD). Nach der Eingliederung der Abteilung Agitation 1985 waren auch die Öffentlichkeitsarbeit und die Traditionspflege des MfS in der ZAIG als "Bereich 6" funktional verankert. Die ZAIG war im direkten Anleitungsbereich des Ministers angesiedelt; ihr waren zuletzt die formal selbständigen Abt. XII, XIII (Rechenzentrum) und die Rechtsstelle fachlich unterstellt.
Die ZAIG geht auf die nach dem Juniaufstand 1953 gegründete und von Heinz Tilch geleitete Informationsgruppe (IG) der Staatssicherheitszentrale zurück, die erstmals eine regelmäßige Lage- und Stimmungsberichterstattung für die Partei- und Staatsführung hervorbrachte. Diese entwickelte sich 1955/56 zur Abteilung Information mit drei Fachreferaten, wurde aber 1957 als Resultat des Konfliktes zwischen Ulbricht und Wollweber wieder stark reduziert. 1957 erhielt die Abteilung mit Irmler einen neuen Leiter, der jedoch bereits 1959 vom ehemaligen stellv. Leiter der HV A Korb abgelöst und zum Stellvertreter zurückgestuft wurde. Gleichzeitig wurde die Diensteinheit in Zentrale Informationsgruppe (ZIG) umbenannt; von da an lief auch die bisher eigenständige Berichterstattung der HV A über sie. 1960 wurde die Berichterstattung an die politische Führung durch einen Ministerbefehl präzise geregelt, und die ZIG erhielt mit der Neueinrichtung von Informationsgruppen in den BV und operativen HA einen soliden Unterbau.
1965 wurde die ZIG in ZAIG umbenannt und ein einheitliches Auswertungs- und Informationssystem eingeführt, das die Recherche und Selektion von Daten sowie die Organisierung von Informationsflüssen gewährleistete. In den operativen HA und BV erhielt die ZAIG mit den AIG entsprechende "Filialen". Im gleichen Jahr ging Korb in den Ruhestand, Irmler wurde wieder Leiter der Diensteinheit.
1968 wurde auch das Kontrollwesen der Staatssicherheit in die ZAIG eingegliedert, das im Dezember 1953 mit der Kontrollinspektion seinen ersten organisatorischen Rahmen erhalten hatte und 1957 mit der Umbenennung in AG Anleitung und Kontrolle erheblich qualifiziert worden war.
1969 erhielt die ZAIG auch die Verantwortung für den Einsatz der EDV. Das im Aufbau begriffene Rechenzentrum (Abt. XIII) wurde ihr unterstellt. In der ersten Hälfte der 70er Jahre bildeten sich vier Arbeitsbereiche der ZAIG heraus. Bereich 1: konkrete Auswertungs- und Informationstätigkeit und Berichterstattung an die politische Führung; Bereich 2: Kontrollwesen, die Erarbeitung von dienstlichen Bestimmungen sowie Prognose- und Planungsaufgaben; Bereich 3: Fragen der EDV; Bereich 4: Pflege und Weiterentwicklung der "manuellen" Bestandteile des Auswertungs- und Informationssystems. 1979 erhielt dieser Bereich auch die Verantwortung für das SOUD ("ZAIG/5").
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Aktion "Leder"
Als Jürgen Sparwasser am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion jubelnd zum Purzelbaum ansetzte, war gerade mehr als nur ein Tor gefallen. Sein Treffer entschied das einzige Duell der A-Fußball-Nationalmannschaften aus der DDR und der Bundesrepublik, noch dazu in der Vorrunde der WM 1974. Das 1:0 der ostdeutschen Auswahl gegen den späteren Weltmeister aus dem Westen war auch ein wichtiger Punktsieg in der innerdeutschen Konkurrenz der Systeme. So sah es zumindest die SED-Führung, die international gerne mit sportlichen Erfolgen glänzte. Sportlicher Wettkampf war für sie immer auch Klassenkampf.
Der Triumph über die Bundesrepublik war umso süßer, da er eher überraschend kam. Anders als bei anderen großen Sportveranstaltungen zählte die DDR bei der Fußballweltmeisterschaft nicht unbedingt zu den Favoriten. Die Mannschaft sollte sich achtbar verkaufen, und möglichst eine Blamage gegen die westdeutsche Auswahl vermeiden. Die war schließlich bereits Europameister und verfügte über einen Weltklassekader, während sich die DDR 1974 das erste Mal für ein großes Turnier qualifiziert hatte.
Auch weltpolitisch war das Jahr 1974 vom Ost-West-Gegensatz und den Stellvertreterkonflikten der beiden Supermächte geprägt. So hatte das Militär in Chile im Herbst 1973 die Regierung des Sozialisten Salvador Allende gestürzt und durch eine Diktatur ersetzt. Die USA hatten den Umsturz zumindest geduldet, die Sowjetunion hatte scharf protestiert. Gleichzeitig musste die Nationalmannschaft der Sowjetunion ein entscheidendes Playoff um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft absolvieren, und das ausgerechnet gegen Chile. Zum Rückspiel, das im Nationalstadion von Santiago de Chile stattfinden sollte, trat die UdSSR aus Protest nicht an. In diesem Stadion hatte das neue Regime zehntausende Unterstützer der gestürzten Regierung internieren lassen, dort war gefoltert und gemordet worden. Das Spiel wurde für Chile gewertet, die Sowjetunion verlor das Playoff.
Auch die Auslosung der Vorrundengruppen zur Fußballweltmeisterschaft barg politischen Sprengstoff: Die DDR sollte ausgerechnet den Mannschaften aus Chile und, besonders pikant, der Bundesrepublik begegnen.
Einleitung
Politische Einschätzung zur Lage und den Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Politische Aspekte der Auslosung zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
"Absicherung" im Land des "Klassenfeinds"
Befehl Nr. 11/74 zur "Absicherung" der Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Nichts dem Zufall überlassen
Information zur Auswahl von Touristen für Reisen zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Anlagen zum Befehl Nr. 11/74 zur "Absicherung" der Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Ein IM für zehn "Touristen"
Instruktion für Inoffizielle Mitarbeiter in den Touristendelegationen zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Anweisung zur Instruktion von Inoffiziellen Mitarbeitern in Touristendelegationen zur WM 1974
"Selbstbewerber" im Visier der Stasi
Brief eines "Selbstwerbers" für eine Reise zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Meldung zu "Selbstbewerbern" für eine Reise zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Terrorangst und Schutz der Mannschaft
Hinweise auf Terrordrohungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Angeblicher Drohbrief der RAF zu einem Anschlag auf das Hamburger Volksparkstadion während der WM 1974
Geheimpolizeilich durchleuchtete Spieler
Überwachung der DDR-Mannschaft während der Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Beobachtung der westdeutschen Konkurrenz
Information über die Mannschaft der Bundesrepublik während der Fußballweltmeisterschaft 1974
Heiße Phase der Aktion
Vermerk über die Verpflegung der Touristendelegationen zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Inoffizielle Erkenntnisse aus den Touristendelegationen
Touristenreise zum Spiel DDR-Australien während der Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Touristenreise zum Spiel DDR-Chile während der WM 1974
Das Spiel gegen die Bundesrepublik
Reise der Touristendelegation zum Spiel DDR-Bundesrepublik während der WM 1974
Abschluss der Aktion
Abschlussbericht des Zentralen Operativstabs zur Aktion "Leder" während der Fußball-Weltmeisterschaft 1974
Lehren für die Zukunft
Auswertung der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 für die Sicherung zukünftiger Sportveranstaltungen
Erfolg der Überwachung