"Selbstbewerber" im Visier der Stasi

Wie streng die "Touristen" ausgesucht und überwacht wurden, wusste die Bevölkerung der DDR nicht. Zwar dürfte den meisten Bürgerinnen und Bürgern klar gewesen sein, dass sie wohl nicht an Karten und eine Genehmigung für eine Westreise gelangen würden. Trotzdem versuchten zahlreiche echte Fußballfans ihr Glück, ermutigt von einem Gerücht, dass solche Reisen beim Reisebüro der DDR gebucht werden könnten. Auch einige Mitarbeiter der Bezirksdirektionen des Reisebüros, vielleicht selbst falsch informiert oder ratlos, gaben Interessenten am Telefon die Auskunft, dass sie ihren Reisewunsch schriftlich an die Zentrale in Berlin richten sollten.

Diese "Selbstbewerber" waren von Interesse für die Stasi. Die Geheimpolizei fürchtete, dass nach der Ablehnung der Reisewünsche durch das Reisebüro einige der Interessenten auf die Idee kommen könnten, auf anderem Wege zu den Spielen zu gelangen – also "Republikflucht" zu begehen. Die zuständigen Kreisdienststellen der Stasi wurden deshalb regelmäßig über neue Selbstbewerber informiert. Um " negative Verhaltensweisen" rund um die Fußballweltmeisterschaft zu verhindern, wollte die Stasi "vorbeugende politisch-operative Maßnahmen" einleiten. Insbesondere sollten Kreisdienststellen die "Selbstbewerber" genauer unter die Lupe nehmen.